Marginale Spalte

Prof. Dr. Dr. h. c. mult. Horst Wildemann ist Initiator und Veranstalter des Münchner Management Kolloquiums. Cost Engineering war das Leitthema im Frühjahr 2013.

Foto: Prof. Wildemann

Die fünf Phasen des Cost Engineering erfordern den Einsatz unterschiedlicher Methoden und Instrumente.
Quelle: TCW Transfer-Centrum GmbH & Co. KG

Interview mit Prof. H. Wildemann zu Cost Engineering

Inhalt

Juli 2013

 

„Cost Engineering ist keine sonderlich beliebte Tätigkeit“

Herr Professor Wildemann, das Thema Cost Engineering ist grundsätzlich bekannt. Welche neuen Erkenntnisse, besonders wirkungsvolle Ansätze, Methoden oder Techniken gibt es?

Unter Cost Engineering im Sinne der ganzheitlichen Kostenplanung und Kostenschätzung verbergen sich völlig neue Ansätze. In der Vergangenheit lag der Fokus rein auf der Kostenreduktion. Die Anforderungen des Kunden blieben außen vor. Das führte dazu, dass zwar kurzfristige Einsparungen erzielt werden konnten, aber langfristig die Qualität der Produkte litt. Es ließen sich Sparschäden feststellen, die dazu führten, dass Kunden abwanderten. Die Lektion dieser Erfahrungen war, dass Sparen nicht gleich Sparen ist. Daher haben wir uns im Rahmen des diesjährigen Münchner Management Kolloquiums (MMK) auf die Kundenwertgestaltung konzentriert.

Es gilt: Erfüllung der Kundenanforderungen bei minimalen Kosten. Um dies zu erreichen, bedarf es neuer Methoden wie der Conjoint-Analyse (ganzheitliche Betrachtung der Kundenbedürfnisse; Anmerkung der Redaktion), der Produktklinik, der Funktionskostenkalkulation oder der Anwendung der Distanzanalyse zur Produktpositionierung und der Ermittlung der Mehrpreisfähigkeit von Produktausstattungen.

Worauf sollten Unternehmen bei der praktischen Umsetzung des Cost Engineerings achten? Was sind aus Ihrer Erfahrung die wesentlichen Erfolgsfaktoren bei der Implementierung?

Cost Engineering ist keine sonderlich beliebte Tätigkeit. Sie bedarf daher der Unterstützung des Topmanagements. Zudem müssen die Rahmenbedingungen stimmen, um Cost-Engineering-Maßnahmen zum Erfolg zu führen. Noch heute scheitern viele Cost-Engineering-Projekte. Die Gründe hierfür sind meist ähnlich.

Die Kosten- und Zeitvorgaben der Projekte werden nicht klar definiert. Unklare Verantwortlichkeiten und die Abgrenzung vom Tagesgeschäft senken die Ressourcenverfügbarkeit der beteiligten Personen. Bereichsgrenzen und Abteilungsdenken verhindern die crossfunktionale Zusammenarbeit. Es fehlen Erfahrungen und Kenntnisse in der Anwendung der Methoden und Konzepte. Gute Ergebnisse lassen sich erzielen, wenn Cost Engineering über einzelne Projekte hinaus permanent in der Organisation und den Köpfen der Mitarbeiter verankert wird.

Ist Cost Engineering skalierbar? Können auch kleine und mittlere Unternehmen, die gegebenenfalls nur auf lokalen Märkten unterwegs sind, vom Cost Engineering profitieren?

Unsere Analysen zeigen, dass noch heute 40 Prozent der gescheiterten Produkte auf die Nichterfüllung der Kundenanforderungen zurückzuführen sind. Kleine und mittlere Unternehmen benötigen ebenso wie Großunternehmen Ansätze, um Kundenanforderungen zu identifizieren und in Produkte zu über setzen. Cost Engineering unterstützt diese Aufgabe, unabhängig von der Unternehmensgröße. Bei global agierenden Unternehmen wandeln sich die Anforderungen und die Komplexität dieser Aufgabe aufgrund der lokalen Kundenanforderungen an Preis, Funktionalität und nicht zuletzt Qualität der Produkte.

Was haben Sie persönlich aus dem letzten MMK zum Thema mitgenommen? Gab es Überraschungen, neue Erkenntnisse?

Zunächst war ich positiv beeindruckt von der Resonanz auf die Veranstaltung. Das Interesse von Unternehmen und Medien vor und nach dem Kolloquium zeigt, dass der Ansatz des Cost Engineerings den Nerv der Zeit trifft. Wer wettbewerbsfähig sein will, braucht in erster Linie Produkte, die einen Kundennutzen erzeugen. Um damit Gewinne zu erzielen, darf der Blick auf die Mehrpreisfähigkeit von technischen Attributen natürlich nicht verloren gehen. So selbstverständlich dies auch klingen mag, das sind schließlich die wesentlichen Bestandteile der Wettbewerbsfähigkeit.