"Zukunft ist planbar"

Marginale Spalte

Universitätsprofessorin Dr. Marion A. Weissenberger-Eibl beschäftigt sich seit dem Jahr 2000 mit Zukunftsforschung. Seit sieben Jahren ist sie Leiterin des Fraunhofer-Instituts für System- und Innovationsforschung ISI in Karlsruhe.

Daneben ist sie Inhaberin des Lehrstuhls Innovations- und Technologiemanagement am Institut für Entrepreneurship, Technologiemanagement und Innovation (EnTechnon) am Karlsruher Institut für Technologie (KIT).

November 2013

 

Vernetzte Kommunikation, Cloud-Computing, sich selbst überwachende Fertigungslinien: Technische Innovationen bestimmen das Leben jedes Einzelnen. Wird uns also in naher Zukunft die Technik völlig beherrschen? „Nein“, sagt Universitätsprofessorin Dr. Marion A. Weissenberger-Eibl.

 
 

Lässt sich die Zukunft planen?

Die Fragestellung bei allen technischen Innovationen ist ja: Greift der Nutzer sie auf, weil er der Ansicht ist, dass sie ihm Vorteile bringt? Dies verlässlich vorherzusehen, ist eine Herausforderung. Daher sind bei der Zukunftsforschung heute der Mensch und seine Bedürfnisse in den Mittelpunkt gerückt.

Mit der Akzeptanz der Gesellschaft steigen die Chancen, dass eine technische Entwicklung sich durchsetzt. Wir tragen dem durch die Kombination von Expertenbefragungen mit dem sogenannten partizipativen Verfahren Rechnung. Das heißt, Szenarien werden nicht nur gemeinsam mit den Auftraggebern, sondern auch mit denjenigen entwickelt, die von Innovationen betroffen sind. Je genauer wir darüber hinaus die Rahmenbedingungen identifizieren, die Innovationen fördern beziehungsweise verhindern, desto planbarer wird die Zukunft.

Können Sie das an einem Beispiel aus Ihrer aktuellen Forschung verdeutlichen?

Wir beschäftigen uns unter anderem mit dem Thema Sicherheit. Hier spielen die angesprochenen Rahmenbedingungen eine große Rolle. Der vernetzte Mensch gibt überall – oftmals unreflektiert – persönliche Daten preis: beispielsweise durch die Nutzung von Kundenkarten oder in sozialen Netzwerken. Die Offenlegung persönlicher Daten führt an anderen Stellen aber oft zu Konflikten, beispielsweise dann, wenn sie zur Wahrung der öffentlichen Sicherheit freigegeben werden sollen. Mithilfe einer Befragung ermitteln wir EU-weit den Zusammenhang zwischen Sicherheit und Privatsphärenwahrung. Es gilt, Sicherheit so herzustellen, dass möglichst wenig in die Privatsphäre des Einzelnen eingegriffen werden muss. Wir untersuchen, wann technische Entwicklungen wie intelligente Videoüberwachung das Sicherheitsempfinden der Bürger erhöhen und wann sie es erschüttern. In diesem Bereich sind partizipative Methoden wichtig.

Spielen auch Veränderungen des Wertesystems eine Rolle?

Ja. In modernen Gesellschaften ist die Möglichkeit zur Selbstentfaltung sehr wichtig geworden. Gleichzeitig nimmt die Bedeutung von Nachhaltigkeit und ökologischer Verantwortung seit Jahren zu. Aufzeigen lässt sich dieser Wandel sehr gut am Beispiel Mobilität. In vielen Ländern ist das Prinzip „nutzen statt besitzen“ in den Vordergrund gerückt. Das bedeutet, dass multimodale Verkehrskonzepte an Bedeutung gewinnen. Was für den Güterverkehr schon greift, also die bedarfsgerechte Nutzung verschiedener Transportangebote, wird in Zukunft auch den Individualverkehr bestimmen. Der technologische Fortschritt in der Kommunikationstechnik erleichtert die Nutzung vernetzter Mobilitätskonzepte. Jetzt gilt es, sie durch die Einbindung intelligenter Geschäftsmodelle, wie Car- und Bike-Sharing-Angebote, noch einfacher und flexibler zu gestalten.

Bedeutet der Wunsch nach Selbstentfaltung, dass Bürger in allen Bereichen mehr Mitspracherecht erwarten?

Der Wunsch nach mehr Selbstentfaltung geht einher mit dem Wunsch nach Öffnung, Enthierarchisierung und Mitgestaltung. Ein Szenario dazu heißt „Open everything“. Dazu gehören Open Government, Open Innovation, Open Access und Open Education. Netzbasierte Innovationen schaffen Transparenz und bieten neue Möglichkeiten der Partizipation. In der Wirtschaft bezeichnet Open Innovation Umdenken: weg von starren Hierarchien in der eigenen Organisation, hin zu neuen, flexiblen Modellen, wie Ideen- oder Innovationsmanagement, das über die Unternehmensgrenzen hinausreicht.

Unterscheiden sich hier die Bedürfnisse älterer und jüngerer Menschen?

Gerade der unterschiedliche Umgang mit Technik, abhängig von Vergangenheitserfahrungen oder aufgrund des Lebensalters, ist ein wichtiger Aspekt, der bei der erfolgreichen Einführung von Innovationen wichtig ist. Daher bilden wir in unseren Szenarien stets auch die verschiedenen gesellschaftlichen Interessen-gruppen ab. Es hat sich gezeigt, dass die Akzeptanz von Innovationen nicht nur eine Frage des Alters ist. Der demografische Wandel ist in vielerlei Hinsicht eine Chance. Unsere Forschungen haben gezeigt, dass gemischte Teams sehr viel Potenzial haben. Unternehmen, die das Erfahrungswissen älterer Mitarbeiter, gekoppelt mit dem Fachwissen junger Menschen, die gerade von der Universität kommen, nutzen, sind nach unserer Erfahrung erfolgreicher darin, neue Technologien und Verfahren in Prozesse einzuführen.