Der Stadt eine Chance

Marginale Spalte

Quellen:

Bundeszentrale für politische Bildung, Dossier Megastädte, www.bpb.de

UN-HABITAT, Siedlungsprogramm der Vereinten Nationen, www.unhabitat.org

National Academy of Engineering, Megacities and the Developing World, www.nae.edu

UrbanTec, Smart technologies for better cities, www.urbantec.de

März 2012

 

Megacitys wie Lagos, Mumbai oder Mexiko-Stadt produzieren viele Probleme, üben aber auch eine hohe Anziehungskraft auf die Menschen aus.

 
 

Die Experten sind sich nicht ganz einig, aber irgendwann 2007 oder 2008 war es so weit: Für den Bruchteil einer Sekunde lebte exakt die Hälfte der Weltbevölkerung auf dem Land, die andere Hälfte in einer Stadt. Seit diesem denkwürdigen Augenblick kennt der Trend nur eine Richtung:

Die Zukunft der Menschheit findet in den Städten statt. Für 2030 erwartet das Siedlungsprogramm der Vereinten Nationen „UN-Habitat“, dass bis zu 70 Prozent der Weltbevölkerung in Städten leben werden. Ein Trend, der sich auch sprachlich niederschlägt. Die größten Vertreter der Gattung „Stadt“ sprengen ihre Grenzen und werden zu „Megacitys“, Metropolen wachsen sich zu „Megalopolen“ aus.

In Zahlen gesprochen ist eine Megacity laut Definition der Vereinten Nationen ein städtischer Ballungsraum mit über zehn Millionen Einwohnern. 1950 gab es mit New York und Tokio nur zwei Megastädte, 2000 schon über 20. Heute zählen je nach Quelle schon bis zu 40 Städte zu den Megacitys – Tendenz steigend.

An der Spitze aller Megalopolen steht unangefochten der Großraum Tokio mit über 35 Millionen Bewohnern. Die Liste der „kleinen“ Riesenstädte mit rund zehn Millionen Menschen wird insbesondere in Asien stetig länger. Auch die Zahl der mittleren Millionenstädte wächst massiv, die Vereinten Nationen gehen für 2015 von weltweit rund 300 Städten mit über einer Million Einwohnern aus. Die Experten sind sich allerdings einig, dass die Quellen, die im Zusammenhang mit der Urbanisierung genannt werden, nicht immer nachvollziehbar sind. Viele Zahlen sind zudem schneller veraltet als dokumentiert.

Hohe Anziehungskraft trotz großer Probleme

Megacitys sind Widersprüche aus Stein, Stahl und Plastikplanen. Einerseits stößt das innere Gefüge der meisten Großagglomerationen an seine Grenzen. Das oft unkontrollierte Wachstum produziert ökonomisch-ökologische und soziale Probleme, viele Megacitys haben mit Chaos, Armut und Umweltproblemen zu kämpfen. Andererseits ziehen die Riesenstädte weiter große Teile der Bevölkerung an. In Südkorea zum Beispiel lebt schon etwa die Hälfte aller Einwohner in einer einzigen Stadt (Seoul).

Und trotz aller Probleme scheinen Städte noch am ehesten in der Lage zu sein, eine funktionierende Infrastruktur für viele Menschen aufzubauen — nicht nur als Lebens-, sondern auch als Wirtschaftsraum. So leben in Dhaka, der Hauptstadt von Bangladesch, mit etwa 13 Millionen Bewohnern zwar nur rund neun Prozent der Gesamtbevölkerung, diese erwirtschaften aber gut 60 Prozent des Bruttosozialprodukts des ganzen Landes.

Ein Dossier der Bundeszentrale für politische Bildung geht noch einen Schritt weiter und kommt zu dem Schluss, dass gerade Megastädte zur Lösung von zentralen Problemen der Menschheit beitragen oder sie zumindest abschwächen können: „Wie sähe die Umwelt aus, wenn der Bevölkerungsdruck nicht durch Konzentration abgemildert würde? Selbst China kann trotz enormen Wirtschaftswachstums die Landbevölkerung nicht mit den not- wendigen Diensten wie Schulen, Ärzten und Krankenhäusern versorgen.“

Gestaltungskraft sichert das Überleben

Worauf beruht nun diese offensichtliche Kraft und Überlebensfähigkeit der großen Städte? Das Siedlungsprogramm der Vereinten Nationen „UN-Habitat“ weist schon 1996 darauf hin, dass Selbstorganisation die Grundlage der Städte sei. Der Urbanisierungsexperte Dr. Rüdiger Korff von der Universität Passau geht ebenfalls davon aus, dass das Überleben der Stadt nicht in erster Linie auf staatlicher Kontrolle und Planung basiert, sondern auf der Gestaltungskraft der Bewohner: „Eine dynamische, lebenswerte Stadt kann weder durch Planung noch durch die Marktwirtschaft geschaffen werden, sondern nur über die Bewohnerinnen und Bewohner der Stadt selbst.“

Darüber hinaus kommt einer funktionierenden Grundinfrastruktur eine entscheidende Rolle für die Zukunft der Städte und ihrer Bewohner zu. Probleme bei Versorgung, Entsorgung und Verkehr rufen nach neuen Lösungen. Energieeffizienz, Klimaschutz, Verkehrsinfrastruktur, Abfallrecycling und Wasserversorgung sind die Säulen, auf denen moderne Städte weiter wachsen können. Bis 2030 müssen dafür nach Schätzungen der OECD weltweit über 30 Billionen Euro investiert werden. Eine Riesenchance für die Weltwirtschaft – und für die 70 Prozent der Menschheit, die bis dahin in Städten leben werden.