Hinter den Kulissen

Marginale Spalte

Juli 2011

 

Raffinierte Bühnentechnik von Rexroth macht das Kodály Kultur- und Kongresszentrum in Pécs zum Verwandlungskünstler und Klangjuwel.

 
 

Eine steinerne Schnecke, die sich um einen hölzernen Musiksaal windet: So beschreiben die Architekten das im Dezember vergangenen Jahres eingeweihte Kodály Kultur-und Kongresszentrum in Pécs. Das multifunktionelle Gebäude war anlässlich der Wahl der südungarischen Stadt zu einer der „Kulturhauptstädte Europas 2010“ gebaut worden und überzeugt seitdem Architektur-und Musikkenner sowie internationale Kongressbesucher.

Für die Technik, die Konzerte und Veranstaltungen erst möglich macht, hatte Bosch Rexroth in Ungarn als Generalunternehmer die Projektverantwortung. Gemeinsam mit spezialisierten ungarischen Subunternehmen stattete die in Budapest ansässige Niederlassung das vom russischen Geiger Maxim Vengerov als „Stradivari der Architektur“ bezeichnete Gebäude mit einer ganzen Reihe bühnentechnischer Anlagen aus.

Dabei standen die geforderte multifunktionelle Nutzung des Gesamtgebäudes sowie der hohe Anspruch an die Flexibilität und Akustik des Konzert-und Bühnensaals im Fokus. Für die beteiligten Unternehmen bedeutete der Auftrag, neben höchster Qualität bei der Ausführung und der Einhaltung des Budgets eine fristgemäße Fertigstellung zu garantieren.

Praktisches Auf und Ab

Eine durchdachte Untermaschinerie sowohl im Bühnenbereich als auch im Zuschauerraum war für die variable Nutzung des Saals unerlässlich. Mobile Podeste, im Unterboden des aus drei Teilen bestehenden Orchestergrabens, können stufenlos und in jede Höhe zwischen zwei Endstellungen angehoben werden. Sie verändern den Raum bei Bedarf. Mit den Podesten – geschweißte Gitterstahlkonstruktionen – lässt sich beispielsweise die Sitzplatzkapazität von 880 auf bis zu 999 Plätze steigern. Sie schaffen aber auch zusätzliche gestalterische Flexibilität auf der Bühne.

So kann man Teile des Orchesters – oder auch Musikinstrumente wie einen Konzertflügel – schnell und an die Aufführungen angepasst auf unterschiedliche Niveaus anheben oder absenken. Synchronisierte Antriebseinheiten mit einem absoluten Wegmesssystem sorgen in Verbindung mit Serapid Linklift-Schubketten und einem Doppelbremsmotor für ein sanftes und sicheres Auf und Ab.

Flexible Schräglage

Der Saal

 

Die Verwandlung des Konzertsaals in einen Ballsaal oder Konferenzraum geschieht auf Knopfdruck: Das erste Drittel des steil ansteigenden Saals lässt sich innerhalb von eineinhalb Minuten in die Horizontale kippen, die Sitzreihen verschwinden im Unterboden. Die circa 185 Quadratmeter große kippbare Fläche liegt bühnenseitig auf speziell rotierenden Schemeln auf und wird an der hinteren Kante mit Hydraulikzylindern angehoben oder abgesenkt.

Stützfüße stabilisieren dabei den Zuschauerraum und eine Gasfederreihe in der Mitte der Platte schützt die Stahlkonstruktion beim Heben vor Deformation. Proportionalventile steuern die Hydraulikzylinder und Rexroth HNC100 Achsensteuerungen stellen den geregelten Gleichgang sicher. PROFIBUS-Verbindungen leiten Bewegungsbefehle sowie Status-und Fehlermeldungen an die Zentralsteuerung weiter. Die HNC-Software überwacht laufend die Hardware- Komponenten und Bewegungsparameter, wie beispielsweise Geschwindigkeit oder softwarebedingte Endstellungen, und Seilweggeber erfassen die genaue Position der Zylinder.

Klangqualität auf Weltniveau

Obermaschinerie

 

Die Qualität des Saals kann man auch hören: Vergleiche der akustischen Parameter machten deutlich, dass der Konzertsaal in Pécs den internationalen Vergleich nicht scheuen muss. Sieben schwenkbare Schallpaneele über dem Orchesterpodest sind so einstellbar, dass die akustischen Raumverhältnisse immer optimal der jeweiligen Orchesteranordnung angepasst sind.

Für gut befundene geometrische Anordnungen werden gespeichert und können bei Bedarf immer wieder abgerufen werden. Hervorragende Tonaufnahmen ermöglichen 24 Mikrofone, die unabhängig voneinander steuerbar über der Bühne und dem Zuschauerraum angebracht sind. Ihr Bewegungsantrieb besteht aus einem selbsthemmenden Schneckenantrieb mit einem Dreiphasenelektromotor. Der elektrische Steuerkasten mit den Antriebssteuerelementen wurde auf der Getriebeeinheit untergebracht.

Die Anlage ist so programmierbar, dass jedes Mikrofon nach dem Aufrufen des jeweiligen Programms automatisch in die gewünschte Position schwenkt. Wenn der Vorhang sich hebt und die ersten Klänge einer Sinfonie den Kodály-Konzertsaal erfüllen, ist die ausgeklügelte Technik für das Publikum nicht sichtbar. Aber sie ist erlebbar: Hervorragende Ausblicke von allen Plätzen, abwechslungsreiche Bühnen-und Orchesterbilder sowie der unvergessliche Hörgenuss zeugen von den inneren Werten hinter den Kulissen.