Inhalt
19.11.2014

Maschinensicherheit: Normgerechte Konzepte erfordern lokales Know-how

Michael Jochem, Bosch Rexroth AG

Maschinensicherheit hat in den vergangenen 20 Jahren einen immer höheren Stellenwert für die Endanwender erlangt. Das hat neben ethischen auch ökonomische Gründe: Jeder Arbeitsunfall verursacht Maschinenstillstand und Kosten. Normgerechte Maschinensicherheit für jeden Markt ist darum ein erfolgskritischer Faktor für Maschinenhersteller.

Für Maschinenhersteller hat der Trend zu mehr Maschinensicherheit erhebliche Auswirkungen. Ausgehend von der EU, wächst die Anzahl der Normen und Standards seit den 1990er Jahren exponentiell an. Neben internationalen Standards greifen immer häufiger auch regionale und nationale Sicherheitsnormen. International ausgerichtete Maschinenhersteller müssen die Vorschriften jedes Zielmarktes umsetzen, um dort ihre Produkte vermarkten zu können.

Gleichzeitig hat sich der Stand der Sicherheitstechnik inhaltlich enorm weiterentwickelt. In nahezu allen Märkten hat sich eine komplexe Systembetrachtung der Automatisierung für die Beurteilung der Maschinensicherheit durchgesetzt. Technologieübergreifend spielen Steuerungssysteme und Software zentrale Rollen. Bosch Rexroth, ein weltweit führender Hersteller von Antriebs- und Steuerungstechnologien hat innerhalb seiner globalen Organisation ein Netzwerk von Safety-Specialists aufgebaut. Sie erfassen die Anforderungen der jeweiligen Märkte und erarbeiten regional angepasste Lösungen. Dieses Know-how stellt Rexroth Maschinenherstellern und Endanwendern zur Verfügung und verbessert damit deren Erfolgschancen auf den globalen Märkten. „Gerade kleinere und mittelständische Hersteller greifen gerne auf unsere Dienstleistungen rund um die Maschinensicherheit zu“, betont Michael Jochem, der bei Bosch Rexroth die Aktivitäten rund um die Maschinensicherheit international koordiniert. Das reicht von einbaufertigen Modulen bis hin zum kompletten Engineering der Sicherheitslösungen einschließlich der umfangreichen Dokumentation.

„Wir beobachten seit Jahren, dass weltweit die Regulierung der Maschinensicherheit zunimmt“, betont Michael Jochem. „Dabei sehen wir sehr unterschiedliche Ansätze in wichtigen Märkten, die teilweise historisch gewachsen sind, häufig aber auch industriepolitisch motiviert sind.“ Es gilt die Faustregel: Je mehr internationale Normen in einem Markt gelten, desto offener ist er und desto größere Exportchancen hat der Maschinenbau. In den vergangenen Jahren haben die EU, China, aber auch die Türkei den Anteil nationaler Regelungen deutlich reduziert.

Wie unterschiedlich die Normensituation rund um die Maschinensicherheit in wichtigen Märkten ist, zeigt dieser Überblick:

Europäische Union: Vorreiter für Systemansatz

Die Europäische Union hat mit der Maschinenrichtlinie 2006/42/EG nicht nur eine Vielzahl nationaler Normen harmonisiert, sondern auch eine neue Systematik eingeführt, die weltweit Vorbildcharakter hat. Seit Ende 2009 dürfen innerhalb der EU nur noch Maschinen in Verkehr gebracht werden, die den Vorgaben der Maschinenrichtlinie entsprechen. Die Verantwortung dafür tragen die Maschinenhersteller. Sie müssen für jede Maschine die Funktionale Sicherheit dokumentieren und die Dokumentation mitliefern.

„Die Maschinenrichtlinie hat die Systematik über alle Branchen und Anwendungen vereinheitlicht”, hebt Wouter Leusden, Safety Specialist bei Bosch Rexroth in BENELUX, hervor. „Ob Werkzeugmaschine, Verpackungslinie oder bewegliche Brücken: Immer müssen Konstrukteure eine Risikobeurteilung durchführen, den erforderlichen Performance Level für die funktionale Sicherheit definieren und mit entsprechenden Systemlösungen zuverlässig realisieren.“ Diesen komplexen Prozess hat Bosch Rexroth mit dem Handbuch „10 Schritte zum Performance Level” in praktikable Arbeitspakete unterteilt. „Die aktuellen Normen sind für Ingenieure teilweise schwierig zu verstehen“, bedauert Wouter Leusden. „Unser Handbuch ist von Praktikern für Praktiker geschrieben und Kunden bestätigen uns immer wieder, wie sehr ihnen das Handbuch geholfen hat.“ Eine erste Übersicht verschafft die Broschüre „10 Schritte zum Performance Level“, die auf www.boschrexroth.com kostenlos zum Download zur Verfügung steht.

„In der EU sind rund 50 Prozent der sicherheitsrelevanten Standards und Normen weltweit gültige IEC oder ISO-Normen”, rechnet Frederic Harmand, der die Safety Specialist von Bosch Rexroth in Frankreich koordiniert, vor. „Die andere Hälfte kommt von Europäischen Einrichtungen wie dem European Committee for Standardization (CEN) und dem European Committee for Electro-Technical Standardization.“ Dabei hat sich in vergangenen fünf Jahren der Zustand in der europäischen Normenlandschaft stabilisiert. „Das gibt Maschinenherstellern zuverlässige Rahmenbedingungen“, betont Frederic Harmand.

USA: Auf dem Weg zur Harmonisierung

Die Normenlandschaft in den USA ist historisch gewachsen sehr heterogen. Seit der Jahrtausendwende ist die Zahl der Normen und Standards stark angestiegen. Die absolute Zahl der Normen ist sogar höher als in Europa. „Das hängt vor allem damit zusammen, dass in den USA eine Vielzahl staatlicher Stellen auf nationaler und Einzelstaatsebene sowie unabhängige Organisationen Standards herausgeben“, relativiert Angela Patterson, Safety-Specialist bei Bosch Rexroth in den USA. Ihr Kollege Gary Thrall ergänzt: „Wir sehen dabei aber eindeutig den Trend, dass amerikanische Normen mit den europäischen harmonisiert werden.“

Bereits heute entsprechen 70 Prozent der relevanten Vorschriften in den USA internationalen oder europäischen Normen. „Hier profitieren unsere Kunden in Amerika von unserer umfangreichen Erfahrung mit den europäischen Vorgaben“, betont Gary Thrall. Dennoch gibt es auch weiterhin spezifisch amerikanische Standards. „Wir unterstützen auch europäische Maschinenhersteller dabei, diese amerikanischen Vorschriften einzuhalten, um hier auf der sicheren Seite zu sein“, so Angela Patterson.

China und Türkei: Ganz auf internationale Normen fokussiert

Internationale Normen vereinfachen den Marktzugang für alle Maschinenhersteller weltweit. Gleichzeitig begünstigt ein hoher Anteil internationaler Normen die Exportchancen der heimischen Maschinenhersteller. Schon das Grundkonzept jeder Maschine oder Anlage berücksichtigt diese Normen. Das verringert den Anpassungsaufwand an andere Märkt erheblich. Gerade exportorientierte Nationen wie China oder die Türkei gehen diesen Weg.

„Das Thema Maschinensicherheit gewinnt für chinesische Maschinenhersteller eine sehr hohe Bedeutung und sie haben sich sehr schnell auf die internationalen Normen eingestellt“, betont Guihua Ying, Safety-Specialist bei Bosch Rexroth in China. „Während sich viele Hersteller aber zunächst auf die asiatischen und afrikanischen Märkte konzentriert haben, fokussieren sie sich jetzt auch auf die mit Normen stark geregelten europäischen und amerikanischen Märkte.“ Hier unterstützen die chinesischen Safety-Specialists bei der Einhaltung der zusätzlichen regionalen Vorschriften.

Die Türkei setzt bei der Maschinensicherheit fast ausschließlich auf europäische und internationale Normen”, beschreibt Atilla Yavuz die Ausgangslage. Der Abteilungsleiter Entwicklung und Applikation von Bosch Rexroth in der Türkei sieht darin erhebliche Vorteile für den Maschinenbau. „Maschinenbau ist immerhin der zweitgrößte Industriesektor bei den türkischen Exporten”, betont Atilla Yavuz. Die internationale Ausrichtung der Normenlandschaft verringert den Anpassungsbedarf für die Ausfuhr in andere Länder. Mit Erfolg: Immerhin exportieren die fünf größten Maschinenhersteller der Türkei jeweils in mehr als einhundert Länder.

Andere große Märkte wie Indien stehen erst am Anfang und bauen derzeit ein Regelwerk für Maschinensicherheit auf.

Brasilien: Vorschriften erfassen auch installierte Maschinen

Brasilien hat als einer der BRICS-Staaten große Fortschritte bei der Industrialisierung gemacht und ist einer der bedeutendsten Märkte für den Maschinenbau. „Die Zahl der Normen für Maschinensicherheit hat sich in den vergangenen fünf Jahren zwar verdoppelt, aber Brasilien setzt dabei vor allem auf internationale und europäische Normen“, so Fernando Lopes. Der Safety-Specialist von Bosch Rexroth in Brasilien weist darauf hin, dass sich die 2010 überarbeitete Norm NR12 sehr stark an die Europäische Maschinenrichtlinie anlehnt. Allerdings gibt es einen wichtigen Unterschied, betont sein Kollege Makoto Yokoyama: „Die NR12 gilt auch für bereits installierte Maschinen und Anlagen. Alte Anlagen dürfen nur dann weiter verkauft werden, wenn sie der NR 12 entsprechen.“ Bosch Rexroth hat bei brasilianischen Endanwendern deshalb bereits mehr als 400 installierte Pressen nach den neuen Sicherheitsvorgaben umgebaut.

„Wir arbeiten eng mit europäischen und amerikanischen Maschinenherstellern zusammen, um normengerechte Maschinenkonzepte für den brasilianischen Markt zu entwickeln“, beschreibt Fernando Lopes sein Tagesgeschäft. „Gleichzeitig sind wir der etablierte Ansprechpartner für Endanwender bei der Umrüstung ihrer installierten Anlagen, weil Rexroth normgerecht technologieübergreifende Lösungen entwickelt und umsetzt.“