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Tech-Podcast: Die Industrie muss Open Source lernen

Dr. Julian Feinauer ist Mathematiker und Geschäftsführer von Pragmatic Industries. Er ist mit seiner Firma Teil der crtlX World und setzt bei seinen Produkten auf Open Source. Im Interview sprechen wir über Bastler, Bedrohungen und besondere Aufgaben für das Management.

Interviewpartner Dr. Julian Feinauer

Ist Open Source nur was für Bastler?

Dr. Julian Feinauer: Europa ist momentan der Place to be, wenn es um Open Source geht. Jetzt müssen wir nur noch die vielen Mittelständler überzeugen, denn Open Source ist nicht (nur) für Bastler, sondern liefert einen enormen finanziellen und technologischen Mehrwert für die Unternehmen und macht unabhängig.

Warum?

Feinauer: Wir arbeiten mit einigen Maschinenbauer zusammen und entwickeln in Softwareprojekten SaaS oder PaaS-Lösungen. Wir setzen dabei voll auf Open Source Software. Carsten Emde von der OSADL erklärte mir einmal: „Software kann man nicht in Tüten verkaufen. Wenn der Kunde Pech hat, ist die Software nach zehn Sekunden nichts mehr wert, weil sich die Regeln geändert haben oder Schwachstellen gefunden wurden.“ Carsten hat Recht. Software ist eine Dienstleistung, die wir verkaufen, nicht die Codezeilen. Im Vorfeld von IT-Projekten bemühen Dienstleister und Kunden oft zahlreiche Anwälte, um das IP zu sichern oder z.B. im Fall der Insolvenz die Rechte am Code zu regeln. Das ist oft teuer, kostet viel Zeit und mit einem Open Source-Ansatz lassen sich diese Probleme schnell und einfach lösen.

Unser Kunde kann den Code nutzen, ihn verändern und sollten wir bankrott gehen, kann er mit jedem anderen Entwickler-Team weiterarbeiten. Das ist Souveränität in der Entwicklung. Gerade viele Mittelständler sorgen sich vor der Abhängigkeit von uns „IT-Buden“. Mit einem Open Source-Ansatz gehört die Angst der Vergangenheit an. Unser Kunde kann auch während des Projekts die Pferde wechseln (empfehlen wir natürlich nicht) oder später mit einem anderen Anbieter weiterarbeiten. Er ist frei und ungebunden. Er bezahlt uns für die Entwicklung, die Dienstleistung.

Manche Expertinnen und Experten warnen vor Open Source und Sicherheitslücken…

Feinauer: Open Source liefert der Industrie Sicherheit in den Prozessen. Die Foundations achten peinlich genau darauf, dass die Entwicklung nachvollziehbar ist, das Softwarestücklisten vorhanden sind und das Sicherheitslücken schnell geschlossen werden. Viele von uns von Log4J geschockt und schnell wurde die Open Source Community scharf kritisiert. Man könne sich nicht auf uns verlassen, hieß es da bei einigen Industrieunternehmen. Aber: Die Community leistete schnell Abhilfe. Das haben wohl einige übersehen. Wer jetzt wieder in proprietären Systemen denkt und hofft, damit schneller Sicherheitslücken schließen zu können, irrt sich gewaltig.

Wie reagieren Kunden, wenn Sie Ihre Lösung vorstellen?

Feinauer: Wenn wir Open Source beim Kunden ansprechen, dann zucken die Verantwortlichen immer noch oft. Denn vielen Industrielenkern ist noch unklar, wie wir dann am Ende Geld verdienen. Niemand mag unklare Geschäftsbeziehungen. Wie kann man mit Freibier Geld verdienen? Dabei ist es ganz einfach: durch Dienstleistung, durch Service, Dokumentation, Wartung oder Erweiterungen und Sonderwünsche. Hört also auf Software zu verkaufen.

Kann die Industrie Open Source?

Feinauer:Wir müssen Wissen aufbauen und ein besonderes Lob geht deshalb an Wolfgang Gehring von Mercedes-Benz. Er und sein Team haben ein Open Source Manifest verkündet. Es soll Mitarbeitende ermutigen, Open-Source-Softwareentwicklung aktiv zu betreiben. Bei Mercedes-Benz sollen die Menschen nach Open- und Inner-Source-Alternativen suchen, bevor er oder sie eigenen Code schreiben oder proprietäre Alternativen verwenden. Die Mitarbeitenden sollen sich bemühen, in den bestehenden Inner-Source-Gemeinschaften des Unternehmens aktiv zu sein. Darüber sollte man im Rahmen seiner täglichen Arbeit zu Open-Source-Projekten beitragen. Jeder Mitarbeitende soll in den Open- und Inner-Source-Communities stets verantwortungsbewusst handeln, mit Sorgfalt und Respekt in Inhalt und Kommunikation, um ein positives Image für sich selbst und das Unternehmen zu wahren, heißt es in dem Manifest.

Wie schauen andere Weltregionen auf Open Source?

Feinauer: Die chinesische Regierung forciert das Thema massiv – vor allem in der Industrie. Dort entsteht ein neues Ökosystem für das Thema. Deshalb müssen unsere Mitarbeitende Open Source lernen, wir müssen den Code verstehen können, der uns frei angeboten wird, denn dann tappen wir nicht in eine Abhängigkeitsfalle. Wir müssen uns auf allen Ebenen fit machen für Anwendungen von Github und Co. Nur so können wir digital erfolgreich und gleichzeitig unabhängig bleiben. Deshalb ist Open Source auch ein Management-Thema. Ja, ich weiß, die Damen und Herren haben gerade andere Sorgen, aber sie müssen ihre Organisation fit machen in dem Thema, liebe CEOs, sonst droht uns nach der Gasabhängigkeit die Code-Abhängigkeit aus den USA oder China. Mitarbeitende sollten in der Arbeitszeit Open Source lernen. Wir können nicht verlangen, dass die Kolleginnen und Kollegen das am Feierabend mal nebenbei machen.

Das komplette Interview und weitere Folgen zur Fabrik der Zukunft finden Sie hier oder in unserem Tech-Podcast Kanal "Industrie neu gedacht", welcher bei allen bekannten Plattformen oder über Podigee abonnierbar ist.


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Verantwortliche für den Tech-Podcast Kanal: Susanne Noll

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