Marginale Spalte

Kontinent im Aufbruch

November 2012

 

Afrikas Wirtschaft wächst kontinuierlich. Der Grund dafür ist nicht nur der Reichtum an Rohstoffen.

 
 

Experten der Weltbank sehen Afrika heute in einer Position, in der sich Asien vor 20 bis 25 Jahren befand. Die afrikanische Wirtschaft wächst kräftig und stetig, auch wenn die Unterschiede innerhalb des riesigen Erdteils, auf dem über eine Milliarde Menschen in 54 Staaten lebt, noch groß sind. Auf dem gesamten Kontinent ist das reale Bruttoinlandsprodukt (BIP) zwischen 2001 und 2011 um jährlich 5,3 Prozent gewachsen. Zum Vergleich: Die Eurozone erreichte im selben Zeitraum ein durchschnittliches Wachstum von knapp über einem Prozent. Bemerkenswert ist, dass sich bis auf Simbabwe alle Länder Afrikas über diesen Zeitraum wirtschaftlich positiv entwickelten.

 

Rohstoffreichtum und Diversifikation

Treibende Kraft für viele der wirtschaftlich erfolgreichen Länder ist ihr Rohstoffreichtum. Steigende Preise für Öl und Gas sind für einen großen Teil des Wachstums verantwortlich. Nigeria ist beispielsweise Afrikas Erdölexporteur Nummer eins und exportiert pro Tag über zwei Millionen Barrel Öl.

Das Land zeigt, dass vom Geschäft mit den Bodenschätzen auch andere Wirtschaftszweige profitieren können. Besonders der Banken- und der Telekommunikationssektor wachsen nicht zuletzt dank der seit 2008 angestrengten ökonomischen Reformen. Neben Öl verfügt Afrika vor allem über Gas, Mineralien und seltene Erze wie Kobalt und Coltan, die zum Beispiel für elektronische Geräte benötigt werden. Jedoch erklärt der Rohstoffreichtum laut einer McKinsey-Studie nur einen Teil des Wachstums des afrikanischen BIP.

Zwei Drittel des Anstiegs gehen auf andere Wirtschaftszweige zurück, wie den Großund Einzelhandel, die Landwirtschaft oder das Transportwesen. Erfolgreichen Ländern wie Ägypten, Marokko, Südafrika und Tunesien ist es gelungen, ihre Wirtschaft zu diversifizieren. Rohstoffe und die Agrarindustrie verlieren hier an Bedeutung, während die verarbeitende Industrie und der Dienstleistungssektor wachsen.

Beispiel Telekommunikationssektor: Auf dem Kontinent besitzen inzwischen 400 Millionen Menschen ein Handy. Dieses eröffnet den Menschen über simples „Mobile Banking“ den Zugang zum Bankensystem und macht sie damit zu aktiven Teilnehmern der afrikanischen Wirtschaft. Die Zahl der Internetanschlüsse hat sich in den letzten zehn Jahren um 2.000 Prozent erhöht.

Gesellschaftlicher Wandel

Laut der African Development Bank ist Afrikas Mittelschicht seit 1980 um jährlich 3,1 Prozent gewachsen und umfasst heute knapp 350 Millionen Menschen. Damit wuchs sie deutlich stärker als die Gesamtbevölkerung, die im Vergleichszeitraum um 2,1 Prozent zulegte. Diese Entwicklung ist wichtig, da eine starke Mittelschicht die Binnennachfrage steigert, damit den Aufbau eigener Wirtschaftsunternehmen ermöglicht und so die Länder auf Dauer unabhängiger von der Rohstoffnachfrage der Weltwirtschaft macht.

Eine große Herausforderung Afrikas liegt in seiner Demografie. Die Deutsche Stiftung Weltbevölkerung schätzt, dass die Gesamtbevölkerung des Kontinents von heute einer Milliarde auf 3,6 Milliarden Menschen im Jahr 2100 wachsen wird. Dieses starke Bevölkerungswachstum birgt Risiken, aber auch Chancen. Es erschwert die Nahrungsmittelversorgung und belastet die teils noch fragile Infrastruktur.

Gelingt es jedoch, die vielen jungen Menschen gut auszubilden, steht ein hohes Arbeitskräftepotenzial zur Verfügung. Dies hat viele afrikanische Regierungen dazu veranlasst, die Bildungspolitik ganz oben auf ihre Agenda zu setzen.

Infrastruktur ist entscheidend

Ein vielversprechendes Feld für eine weitere positive Entwicklung Afrikas ist der Sektor der erneuerbaren Energien. Solarenergie und auch die erst zu einem geringen Teil ausgeschöpfte Wasserkraft könnten beispielsweise Energieexporte in Form von Gas und Öl ablösen. Da Strom aus erneuerbaren Energien oft dezentral gewonnen wird, eignen sich diese Quellen auch dazu, den großen Kontinent selbst mit Energie zu versorgen.

Als zusätzlicher Effekt würden neue Arbeitsplätze entstehen, da vor Ort Know-how gebraucht wird, um die Anlagen einzurichten und zu warten. Auch in anderen Bereichen der Infrastruktur sind laut Weltbank noch hohe Investitionen notwendig.

Ein kontinuierlicher Ausbau von Transportwegen, die Verbesserung der Energie und Wasserversorgung sowie die Befriedung von regionalen Konflikten und wachsende politische Stabilität können dafür sorgen, dass Afrika weiter seinen Weg gehen kann.

Ein Kontinent mit vielen Facetten

Von „Afrika“ zu reden, ist ebenso schwierig wie von „Asien“ oder „Europa“. Während Europa aus 46 Nationalstaaten besteht, in denen über 700 Millionen Einwohner rund 225 Sprachen sprechen, weist Afrika eine noch größere Vielfalt auf: Dort lebt in 54 Ländern über eine Milliarde Menschen, die mehr als 2.000 Sprachen sprechen.

Große wirtschaftliche Unterschiede bestehen sowohl zwischen als auch innerhalb der Länder. Namibia und Südafrika sind weltweit die Länder mit der extremsten Ungleichheit bei der Einkommensverteilung in der Bevölkerung. Groß ist auch die Bandbreite des Bruttoinlandsprodukts in den Staaten Afrikas: Im Vergleich zur Demokratischen Republik Kongo mit einem Pro-Kopf-BIP von 352 Dollar ist Südafrika mit einem Pro-Kopf-BIP von 10.223 Dollar relativ reich.