AEC: Die große Unbekannte in Asien

Marginale Spalte

Juli 2012

 

In Südostasien entsteht mit der ASEAN Economic Community eine neue Wirtschaftsgröße.

 
 

Im Schatten der bekannten Wachstumsregionen China und Indien entsteht eine neue, noch nicht sehr bekannte Freihandelszone: die ASEAN Economic Community, kurz AEC. Bis 2015 will sich die Gemeinschaft südostasiatischer Staaten zu einer Wirtschaftszone mit 600 Millionen Verbrauchern zusammen schließen. 2007 einigten sich die Führer der ASEAN-Mitgliedsländer, die AEC aufzubauen.

Ziel von Brunei, Indonesien, Kambodscha, Laos, Malaysia, Myanmar, den Philippinen, Singapur, Thailand und Vietnam ist es, eine Wirtschaftszone ohne Schranken für Güter und Dienstleistungen zu schaffen. Auch der Verkehr mit Kapital und qualifizierten Arbeitskräften soll ungehindert fließen.

Ein Markt mit 600 Millionen Menschen

Es sind beeindruckende Zahlen: Mindestens 600 Millionen Menschen leben in den zehn ASEAN-Ländern, rund 100 Millionen mehr als in der Europäischen Union. Die Mittelschicht wächst rasant und ihr Bedarf an westlichen Konsumprodukten und Technologien ist hoch. Mit einem prognostizierten BIP-Wachstum zwischen 5,7 und 6,4 Prozent gehören die ASEAN-Staaten trotz eines leichten Rückgangs auch in diesem Jahr weltweit zu den Spitzenreitern.

Der Anteil der Region am Welthandel liegt bei sechs Prozent – zum Vergleich: Der Anteil Chinas beträgt zehn Prozent. Fast alle ASEAN-Länder haben in den vergangenen Jahren ihre Wirtschaft liberalisiert und sich dem Weltmarkt geöffnet. Auch im Handel zwischen den wirtschaftlich wichtigsten Mitgliedsländern sind schon viele Schranken gefallen.

„Der Warenverkehr zwischen Thailand, Indonesien, den Philippinen, Malaysia, Singapur und Brunei ist bereits mehrheitlich zollfrei“, betont Rajiv Biswas, Chefvolkswirt des Beratungsunternehmens IHS Global Insight in Singapur. „Die anderen Länder werden bis 2015 nachziehen.“ Der Abbau von Hindernissen im Verkehr von Dienstleistungen sei noch Gegenstand von Verhandlungen.

Schon heute sind die ASEAN-Staaten mit einem Waren- und Dienstleistungsverkehr von 175 Milliarden Euro siebtgrößter Handelspartner der EU. Gleichzeitig ist Europa mit fast elf Prozent nach China größter ASEAN-Handelspartner. Ob Rohstoffförderung, Landwirtschaft oder Elektronikindustrie: Gerade für eine auf Qualität fokussierte Industrie – nicht zuletzt für den Mittelstand – seien die Möglichkeiten „enorm“, sagt ein Insider. „In vielen der ASEAN-Länder besteht ein hoher Nachholbedarf beim Bau von Infrastruktur – Maschinen und Anlagen ‚made in Germany‘ zum Beispiel sind sehr gefragt.“

Und natürlich erneuerbare Energien sowie Umwelttechnologie. Malaysia und Indonesien haben der Reduktion von CO2-Emissionen hohe Priorität eingeräumt. Aber auch ASEAN-Länder, von denen man es auf den ersten Blick nicht unbedingt erwarten würde, haben sich den Schutz der Umwelt auf die Fahne geschrieben: Myanmar etwa will eine Fischereiindustrie nach organischen Prinzipien aufbauen, um von der steigenden Nachfrage nach nachhaltig produzierten Meeresfrüchten in Europa zu profitieren.

Vielfalt mit Stolpersteinen

Die ASEAN-Länder – ob nun die junge Demokratie Indonesien, das kommunistische Vietnam oder das wirtschaftsfreundliche Singapur – könnten kaum unterschiedlicher sein. Diese wirtschaftliche, kulturelle, soziale und politische Vielfalt der zehn ASEAN-Staaten lässt erwarten, dass der Endspurt zur AEC 2015 nicht ohne Hindernisse verlaufen wird. Einige Experten meinen, dass bisher in erster Linie die politisch leicht zu überwindenden Handelsschranken gefallen sind.

Rajiv Biswas glaubt, die bevor stehenden Verhandlungen über den Personenverkehr und vor allem über den freien Fluss von Kapital könnten zu Konflikten zwischen den einzelnen Staaten führen. „Einige Länder fürchten, eine AEC könnte Schlupflöcher bieten, über die Drittländer Schlüsselbeteiligungen an wichtigen Industrien in ASEAN-Ländern kaufen könnten.“ Das würde in einigen Mitgliederländern zu heftigem politischen Widerstand führen.

Einen Vorgeschmack auf das Selbstbewusstsein der Region und den wachsenden Widerstand gegen mögliche Fremdbestimmung lieferte im März Indonesien, als Jakarta überraschend den Grad der Beteiligung, den eine ausländische Firma an einem indonesischen Rohstoffunternehmen halten darf, auf 49 Prozent beschränkte. Investoren sollten sich also in der künftigen AEC besser auf Kooperationen und den Aufbau lokaler Wertschöpfung einstellen.

Lokale Präsenz

Bosch Rexroth ist seit den 1970er-Jahren in der ASEAN-Region präsent und baut lokale Kompetenzen auf. „Wir sehen ASEAN als eine der wachstumsstärksten Regionen für den weltweiten Maschinenbau. Sie hat die kritische Masse erreicht, um ähnlich wie China zu den Industriestaaten aufzuschließen“, betont Dr. Karl Tragl, Vorstandsvorsitzender der Bosch Rexroth AG. Das Unternehmen verstärkt darum den Aufbau lokaler Wertschöpfung durch Dienstleistungen und Know-how in dieser Region.

Das größte Marktvolumen für den Maschinenbau bietet Singapur. Der Stadtstaat ist die Heimat für die weltweit größten Hersteller von Offshore-Plattformen. Bosch Rexroth hat in diesem Marktsegment einen regionalen Marktanteil von rund 30 Prozent. Im Bergbau und bei der Primärverarbeitung setzt sich der Trend zu einer stärkeren Automatisierung durch.

Rexroth begleitet die Bergbau- und Verarbeitungsunternehmen mit Vor-Ort-Kapazitäten für das Engineering, die Inbetriebnahme und den Service. Bei der zunehmenden Mechanisierung der Landwirtschaft arbeitet Rexroth eng mit den regionalen Herstellern von Erntemaschinen für Reis, Zuckerrohr und Ananas zusammen.

Ebenso wie bei den mobilen Arbeitsmaschinen für den Tief- und Hochbau spielen hier die weltweit verschärften Emissionsvorschriften eine Rolle. Rexroth ist weltweit Technologieführer bei der Verknüpfung von Dieselmotor- und Hydrauliksteuerungen als Voraussetzung für die Einhaltung der Abgasnorm TIER 4 final.

In der Fabrikautomation prägen derzeit zwei Branchen das Wachstum: Elektronik und Halbleiter sowie Nahrungsmittel und Verpackung. Die lokalen und regionalen Unternehmen setzen hier vor allem auf europäische und asiatische Maschinen. Rexroth unterstützt Maschinenhersteller und Anwender mit lokalen Inbetriebnahmekapazitäten und einem dichten Servicenetz.

 
 

Der Autor


 

Urs Wälterlin,

Südostasien- und Ozeanien-Korrespondent

des Handelsblatts