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Karthik Sundaram arbeitet als Industrie-Analyst bei Frost & Sullivan corporate consultants.
Photo: Karthik Sundaram

Maschinensicherheit: Interview mit dem Analysten Karthik Sundaram

November 2013

 

Karthik Sundaram ist Industrie-Analyst bei der Unternehmensberatung Frost & Sullivan. Er ist mit seinem Team verantwortlich für die aktuelle Studie „Strategic Analysis of Global Machine Safety Market“.

 
 

Herr Sundaram, was sind die wesentlichen Treiber für Maschinensicherheit auf dem globalen Markt der Maschinenhersteller?

Wir sehen vor allem drei Treiber, die einen nachweislichen Einfluss auf die Entwicklung haben werden. Stringente Sicherheitsanforderungen sind der große Treiber für Maschinensicherheit auf dem globalen Markt der Maschinenbauer, der auch das anstehende Jahrzehnt bestimmen wird. Das bestätigten alle Hersteller und Zulieferer, mit denen wir für die Studie in Kontakt waren.

Zudem entsteht durch die kontinuierliche Verschiebung der Produktion von entwickelten Industriestaaten in Schwellenländer wie China, Indien oder Brasilien, ein fruchtbarer Nährboden der Möglichkeiten für Maschinensicherheit.

Ein weiter wichtiger Aspekt ist das weltweit wachsende Bewusstsein für den Schutz der Arbeitnehmer. Hier sind in den kommenden Jahren signifikante Investitionen zu erwarten – und zwar sowohl in entwickelten, als auch in Schwellenländern.

Wie hängen diese Treiber mit den sogenannten „Megatrends“ zusammen?

Ich denke, der Megatrend „Sicherheit“, der auch „Cyber Security“ beinhaltet, wird in den kommenden Jahren weltweit zu einer zunehmenden Regulierung und neuen Standards führen – über die verschiedenen Regionen hinweg. Das wird auch eine starke Antriebskraft für Maschinensicherheitsanbieter sein – und so auch das Wachstum dieses Marktes positiv beeinflussen.

Welche Besonderheiten gelten in Schwellenländern – gibt es dort spezielle Treiber?

Wie bereits erwähnt, schafft vor allem die Verschiebung der Produktion in diese Länder große Möglichkeiten für Anbieter von Maschinensicherheit. Es gibt allerdings spezifische Länder, zum Beispiel einige Staaten in Südamerika, in denen der Grad der Umsetzung von Normen und Vorgaben zur Maschinensicherheit nicht besonders ausgeprägt ist. Dort ist das Thema auf kurze Sicht eher ein Hemmnis, kein Treiber. Doch das ist eher die Ausnahme.

Wie stellt sich das für die Anwender in den Schwellenländern dar?

Ich kenne den indischen Markt natürlich sehr gut und weiß auch, dass sich das in weiteren Ländern wie beispielsweise China ähnlich verhält: Die Anwender sind eher zurückhaltend, was Sicherheit angeht. Die europäische Denkweise, die Arbeits- und Umweltschutzmaßnahmen eher positiv gegenübersteht, ist in diesem Teil der Welt nicht die vorherrschende.

Anwender betrachten Investitionen in Maschinensicherheit eher als eine Bürde, da sie darin keinen echten Return on Investment erkennen können. Solange also kein entsprechender Druck von den jeweiligen Regierungen kommt, wird sich daran auch nichts ändern. Da aber inzwischen immer mehr Unternehmen aus den Industrieländern in den Schwellenländern produzieren lassen, glauben wir, dass dies auch die Einführung weiterer Verordnungen beschleunigen könnte.

Firmen aus Industriestaaten befördern also den Status der Maschinensicherheit, wenn sie sich in Schwellenländern engagieren?

Der verheerende Chemieunfall in Bhopal vor inzwischen dreißig Jahren hat die Sichtweise der Inder auf ausländische Unternehmen, die sich hier engagieren möchten stark verändert: Wir erwarten von diesen Unternehmen einen ausreichende Arbeitnehmerschutz in den Werken. Diese Investitionen liegen zwar in der Regel unter denen, die die Unternehmen in ihren Ursprungsländern tätigen, doch sie liegen deutlich über dem, was die lokalen Unternehmen dafür ausgeben. Insofern haben diese Firmen aus den Industriestaaten tatsächlich einen positiven Einfluss auf die Maschinensicherheit in Schwellenlände

Wie wirken sich die zunehmenden Verordnungen im Bereich der Maschinensicherheit auf die Anwender aus?

In den Industrieländern gibt es zentrale Verordnungen, die den Markt stark beeinflussen, in Europa zum Beispiel die Norm ISO 13849. Die haben den Druck, Verordnungen zur Maschinensicherheit umzusetzen deutlich erhöht. In den Schwellenländern ist das, wie bereits beschrieben, noch nicht so stark ausgeprägt. Doch das wird sich in den kommenden Jahren ändern.

Wie stellt sich das für die Anbieter von Produkten für Maschinensicherheit dar?

Entscheidend wird sein, dass ihre Produkte nicht alleine die Maschinensicherheit erhöhen, sondern zugleich auch die Effizienz und Produktivität der Maschinen steigern. Hier ist ein Umdenken zu einer ganzheitlichen Betrachtungsweise nötig.

Wie hoch schätzen Sie den globalen Nachrüstbedarf bei Maschinen ein?

In unserer Studie haben wir herausgefunden, dass vor allem in Nordamerika ein enorm großer Nachrüstbedarf besteht, da vorhandene Sicherheitssysteme durch neue Verordnungen obsolet geworden sind. Nach unserer Schätzung beläuft sich das auf einen gesamten Erlös von rund 100 Millionen Dollar für das Jahr.

Auch in Europa ist ein großer Bedarf zu erkennen. Die Schwellenländer stehen beim Thema Maschinensicherheit oft noch am Anfang, daher gibt es hier auch keinen Nachrüstbedarf.

Können Sie einen Bewusstseinswandel bei den Maschinenherstellern im Bereich Maschinensicherheit erkennen?

Das Bewusstsein darüber, was auf dem Spiel steht und welche Auswirkungen mangelhafte Investitionen in Maschinensicherheit haben, ist enorm hoch. Denn den Druck von Seiten der Regierungen und von Seiten der Arbeitnehmer wollen die Anwender unbedingt vermeiden. Dieses Bewusstsein wird sich in den kommenden Jahren noch verstärken.

Sind verschiedene Branchen unterschiedlich stark entwickelt, was die Herausforderung durch das Thema Maschinensicherheit angeht?

Die Automobil-, Nahrungsmittel-, Elektronik- und die pharmazeutische Industrie sind schon sehr weit bei diesem Thema. Was vor allem daran liegt, dass mangelhafte Sicherheit in diesen Bereichen die Qualität des Produkts beeinträchtigt und damit direkt den Verbraucher trifft. Großes Entwicklungspotenzial gibt es hingegen in der Werkzeugmaschinenbranche sowie in der Verpackungs- und Materialverarbeitungsindustrie. Dort gewinnt der Arbeitsschutz zunehmend an Bedeutung.

Welche technologischen Trends sind auf dem Markt der Maschinensicherheit zu beobachten?

In der Maschinenautomation erleben wir gerade eine Revolution auf dem Gebiet der Vernetzung und der Software – und die wird in den kommenden Jahren anhalten. Unabhängig von SPS, Antrieben oder hydraulischen Lösungen werden eine veränderte Kommunikation und integrierte Sicherheitssysteme einen riesigen Einfluss auf den Markt haben, neue Standards den Markt spürbar durchdringen.

 

Gibt es hierbei erkennbare regionale Unterschiede?

Hier verhält es sich wie beinahe mit jedem technologischen Trend: Eine neue Technologie setzt sich zuerst in Europa durch, kurz darauf in Nordamerika und danach tritt sie in Asien und den Schwellenländern in Erscheinung.

Das hohe Maß an Regulierung und Gesetzgebung in Sachen Umweltschutz in den Industriestaaten wird diese Entwicklung auch bei der Maschinensicherheit fortschreiben. So wurden 2011 ein Drittel der Erlöse auf dem Maschinensicherheitsmarkt in Europa erwirtschaftet und es ist kurzfristig nicht zu erkennen, dass sich das ändern wir

Erfüllen die aktuellen Produkte die genannten Trends – und die Bedürfnisse der Anwender?

Ja und nein. Dieser Markt ist noch immer ein Anbietermarkt. Obwohl es einen großen Schub durch Verordnungen und Standards gegeben hat, setzen Anwender nach wie vor Lösungen großer Anbieter um. Aber es gibt einen großen Raum für erweiterte Funktionalität und viele Produkte fallen in den Bereich der Maschinensicherheit.

So können beispielsweise Sicherheits-SPS ja mehr, als sie leisten müssen. Für die Anwender sind höhere Anforderungen an Maschinensicherheit gleichbedeutend mit höherem Kapitaleinsatz und geringerem Return on Investment – das muss sich ändern. Auf die Gefahr hin, dass ich mich wiederhole, aber das ist für uns der wesentliche Punkt: Hier müssen die Anbieter stärker die Produktivität in den Fokus rücken.

Fragen die OEMs die Anbieter stärker nach Komponenten oder nach integrierten Systemen?

Das hängt von der jeweiligen Branche ab. Ein Werkzeugmaschinenhersteller wird eher eine integrierte Lösung verlangen, einer aus der Nahrungsmittelindustrie eher nach Komponenten. Auf einer übergeordneten Ebene kann man sagen, dass die Nachfrage nach integrierten Lösungen wächst – die nach Komponenten bleibt aber auch bestehen.

Wie könnte das Thema Industrie 4.0 den Maschinensicherheitsmarkt beeinflussen?

Dieses Konzept der integrierten Industrie setzt auf eine harmonische industrielle Systemarchitektur, in der alle Komponenten miteinander interagieren können. Das könnte insofern einen Einfluss auf den Markt haben, als so sichere Produkte entstehen könnten, die sich in alle Ebenen ihres Produktionsprozesses integrieren – und so die Sicherheit erhöhen.

Welche Möglichkeiten und Gefahren bringt das Thema den Anwendern?

Die Anwender müssen viel stärker nach Sicherheitsprodukten verlangen. Und zwar nicht, weil sie damit Vorschriften erfüllen, sondern als Möglichkeit, Innovationen in ihrem Unternehmen einzuführen. Gefahren sehen wir darin keine. Im Gegenteil: Am Ende des Tages liefert Maschinensicherheit ein solides Fundament, um äußerst nachhaltig Gewinne zu machen und Risiken zu minimieren.

Und wie sieht das bei den OEMs aus?

Da gibt es aus unserer Sicht keine erkennbaren Unterschiede.

Gibt es einen Trend zur Konsolidierung der Anbieter auf dem Maschinensicherheitsmarkts?

Konsolidierung unter den Anbietern auf der Tier 2 und Tier 3-Ebene fand in den vergangenen fünf bis acht Jahren bereits statt – und wird auch weiterhin stattfinden. Die Tier 2-Unternehmen werden aber auch weiterhin ihre Berechtigung haben und fortbestehen. Wir können da keinen gegenteiligen Trend erkennen.

Europa und die USA verhandeln gerade über ein Freihandelsabkommen einschließlich vereinheitlichter Normen der Maschinensicherheit. Muss die Politik sich stärker auf diesem Gebiet einmischen? Und könnte das möglicherweise dem Markt noch stärkere Impulse geben?

Meine persönliche Meinung dazu ist, dass die Politik die grundlegenden Verordnungen und Standards zur Arbeitssicherheit oder Umweltschutz schaffen sollte. Insofern sind solche Abkommen überaus positiv. Jede weitergehende Einmischung schafft aber allenfalls kurzfristige Schübe auf dem Markt. Auf lange Sicht kann ein solches Vorgehen den Markt sogar behindern – beispielsweise, weil ausländische Investoren durch strengere Marktregulierungen abgeschreckt werden.