Marginale Spalte

Prof. Dr.-Ing. Sascha Stowasser ist Direktor des Instituts für angewandte Arbeitswissenschaft e.V. (ifaa) in Düsseldorf sowie außerordentlicher Professor an der Technischen Hochschule Karlsruhe.

Das ifaa forscht und bietet Dienstleistungen in den Disziplinen Arbeitswissenschaft und Betriebsorganisation primär zur Steigerung der Produktivität. Dazu arbeitet das Institut eng mit der Metall- und Elektroindustrie zusammen.

Demografischer Wandel

März 2011

 

„Was passiert, wenn ein Unternehmen sich nicht vorbereitet?“

 
 

Professor Stowasser, wann und wie wird sich der demografische Wandel auswirken?

Die Zahl älterer Arbeitnehmer und ihr Anteil an der Belegschaft werden deutlich steigen. Dazu liegen gesicherte Erkenntnisse der Bevölkerungswissenschaft vor. Die europäische Bevölkerung wird bis 2050 trotz Zuwanderung um 50 Millionen Menschen abnehmen. Schon 2020 wird der Kampf um Nachwuchskräfte erheblich härter geführt werden als heute. Gleichzeitig verliert das Unternehmen mit jedem ausscheidenden älteren Mitarbeiter wichtiges Know-how. Es geht also um die Frage, was passiert, wenn ein Unternehmen sich nicht vorbereitet.

Wie sollten sich Unternehmen denn vorbereiten?

Ein unüberlegter Aktionismus ist nicht sinnvoll. Gerade mittelständische Unternehmen müssen sehr genau analysieren, welche Mitarbeiter sie brauchen, um die Unternehmensstrategie langfristig zu realisieren. Gleichzeitig gibt eine Altersstrukturanalyse Aufschluss darüber, auf was sich das Unternehmen konkret vorbereiten muss: Bei einem Unternehmen haben wir festgestellt, dass eine komplette Abteilung innerhalb der nächsten zehn Jahre altersbedingt ausscheidet. Macht es aus Unternehmenssicht Sinn, die Tätigkeit danach im Haus zu halten? Wenn ja, welche Schritte sind notwendig?

Was können Unternehmen tun, um ältere Mitarbeiter fit für den Beruf zu halten?

Sie müssen neue Qualifizierungsmodelle zum lebenslangen Lernen anbieten und die Bindung der Mitarbeiter an das Unternehmen stärken. Wir brauchen in Zukunft noch mehr Mitarbeiter, die bereit sind, sich über das gesamte Leben fachlich weiterzuentwickeln. Wer zehn oder zwanzig Jahre pausiert, ist lernentwöhnt. Wichtig ist, jetzt die richtigen Mitarbeiter zu halten und ihnen Perspektiven aufzuzeigen, beispielsweise mit flexiblen Arbeitszeitmodellen.

Sollen die Unternehmen jetzt verstärkt in ergonomischere Arbeitsplätze für ältere Mitarbeiter investieren?

Warum nur für Ältere? Vergessen Sie die Jüngeren nicht, denn das sind die Älteren von morgen. In den vergangenen Jahren haben wir sehr große Fortschritte bei der Ergonomie erzielt, aber die Auswirkungen spüren wir oft erst nach zehn Jahren und mehr.

Gibt es auch Chancen der demografischen Entwicklung?

Geschickt gewählte altersgemischte Teams können die besten Eigenschaften beider Altersgruppen kombinieren: Muskelkraft, Wahrnehmung und Schnelligkeit der Jüngeren mit der oft ausgeprägteren Gelassenheit, Zuverlässigkeit und Qualitätsorientierung der Älteren.