„Wir brauchen ein inniges Verhältnis zur Maschine.“

„Wir brauchen ein inniges Verhältnis zur Maschine.“
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Univ.-Prof. Dr.-Ing. Norbert Gronau

Univ.-Prof. Dr.-Ing. Norbert Gronau ist seit April 2004 Inhaber des Lehrstuhls für Wirtschaftsinformatik, insbesondere Prozesse und Systeme, an der Universität Potsdam. Er forscht in den Bereichen Wissensmanagement und wandlungsfähige Systeme. Gronau ist Initiator des Anwendungszentrums Industrie 4.0 – Herzstück des Forschungsprojekts „MetamoFAB“. Das Zentrum ist virtuelle Fabrikanlage, interaktive Lernfabrik und Forschungslabor in einem.

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Inhalt

Juli 2016

 

Prof. Dr.-Ing. Norbert Gronau von der Universität Potsdam kennt aus seiner Forschung die Anforderungen an die Mensch-Maschine-Schnittstelle der Zukunft.

Wie grundlegend ist die Veränderung in der Fabrik durch die digitale Transformation?

Das ist eine Metamorphose, weil im Objekt Fabrik eine grundlegende Umwandlung stattfindet, sich das Objekt durch neue Fähigkeiten und Eigenschaften zu einer neuen Gestalt entwickelt. Die Fabrik nach der Metamorphose unterscheidet sich grundlegend vom Zustand davor.

Was passiert denn da in den Werkshallen?

Über den Boden der Werkshallen weht ein frischer Wind, der für die Mitarbeiter Veränderung mitbringt. Das gleicht schon einem Umbruch. Die Maschine ist nicht länger das dumme Objekt, das Steuerungsbefehle ausführt. Sie wird intelligent, weiß, was sie tut, weiß, wie gut sie es tut und welche neue Aufgabe schon wartet. Die intelligente Maschine entwickelt eine Art von Bewusstsein. Der Mensch muss sich auf diese Begegnung fast auf Augenhöhe einstellen und ein wirklich inniges Verhältnis zu seiner Maschine entwickeln. Dabei muss er auch akzeptieren können, dass die Maschine häufiger recht hat, als ihm lieb ist. Denn das trägt zum Wohle der Fabrik bei. Allerdings brauchen wir eine Herrschaft der Automaten nicht zu fürchten. Wir wollen ja nicht den Menschen durch eine Maschine ersetzen, sondern ihr Zusammenspiel effizienter und pfiffiger machen. Der Mensch bleibt verantwortlich, bestimmt und entscheidet.

Welche Konsequenzen hat das für die Interaktion von Mensch und Maschine?

Zunächst eine funktionale Aufgabe: Die Mensch-Maschine-Schnittstelle muss aus der enormen Big-Data-Cloud die Daten so filtern und darstellen, dass diese als relevante Information den Menschen bei seinem Tun und seinen Entscheidungen unterstützen. Wir haben künftig an jeder Maschine ein kleines Management-Informations-System. Darüber hinaus ergibt sich aber durch die intensive Interaktion eine soziokulturelle Dimension. So wie einst das Auto oder heute das Smartphone als Objekte der Begierde ihren Platz in der Familie gefunden haben, wird die HMI zu unserem täglichen unverzichtbaren Begleiter in der Arbeitswelt.

Welche Faktoren fördern ihre Akzeptanz?

Das ist recht einfach. Sobald ein Werkzeug persönlichen Nutzen stiftet, wird es akzeptiert. Deshalb ermutige ich alle, Neues auszuprobieren. Oft erkennt man dabei ganz schnell die Vorteile. Der Einzug der Tablets auf Geschäftsleitungsebene ist ein gutes Beispiel für das Argument Nutzwert. Der Manager nutzt den digitalen Begleiter ja nicht als Statussymbol, sondern weil er den bequemen Zugriff auf alle Daten ermöglicht. Und dies, ohne dass sein Assistent vier Aktentaschen in die Besprechung schleppen muss.

Mitarbeiter, so sagen Sie, sind nicht länger Knopfdrücker oder Einleger, sondern Steuermann oder Navigator. Das stellt doch ganz neue Anforderungen an die Qualifikation?

Ja, aber auch dabei hilft die Digitalisierung. Wir erleben bald eine Symbiose von Lernen und Arbeiten. Künftig gilt nicht mehr „Hier lerne ich, arbeite aber nicht“ beziehungsweise „Hier arbeite ich, lerne aber nichts“. Lernen und Arbeiten wachsen zusammen, erfolgen en suite. Lernen passiert an der Mensch-Maschine-Schnittstelle mit ganz individuellen Inhalten. Damit hat der universelle Lehrgang für alle ausgedient.

Was bedeutet das für die Maschine?

Wir müssen die Maschinenintelligenz so erweitern, dass sie der menschlichen Informationsverarbeitung immer ähnlicher wird. Der Mensch hat herausragende Mechanismen, um Relevantes von Irrelevantem zu unterscheiden. Unwichtiges filtert er in Windeseile und blendet es aus. Deshalb bin ich auch in einem Forschungsprojekt für intentionales Vergessen aktiv. Die Gehirnforschung geht davon aus, dass beim Filtern der Information Inhalte nicht aus dem Gedächtnis gelöscht werden, sondern mit Hinweisreizen wieder zutage gefördert werden können. Das muss der Maschine erst noch beigebracht werden.

Welche Bedeutung haben Lernfabriken für die Mitarbeiterqualifikation?

Eine ganz wesentliche. Hier ist Raum für Experimente und Erfahrungen. Sie sind der Platz, um den Menschen an die neuen Anforderungen heranzuführen. Das gefahrlose „Spielen“ unter realitätsnahen Bedingungen schafft Vertrauen und fördert den unbefangenen Umgang. Die Lernkurve ist dabei beachtlich. Nicht zuletzt sind Lernfabriken wie unser Potsdamer Anwendungszentrum Industrie 4.0 ein sichtbarer Ausdruck des engen Schulterschlusses zwischen Forschung und Industrie.

Stichwort Spielen: Welche Funktion haben „Gaming“-Ansätze für die Fabrik von morgen?

Lernspiele sind eine herausragende Ergänzung am digitalen HMI. Im spielerischen Umgang mit einem Serious Game kann jeder Mitarbeiter beispielsweise Qualitätsthemen oder Serienanläufe simulieren. Der Ansatz „Gaming“ bedeutet auch einen gesunden Wettbewerb um das Erreichen des nächsten Levels. Dabei soll aber nicht Konkurrenzdenken gefördert werden, sondern wir wollen den intelligenten, mündigen Mitarbeiter spielerisch fördern und Leistungsanreize setzen.

Zehn Jahre vorausgeblickt: Welche konkreten Entwicklungen in der Interaktion Mensch-Maschine zeichnen sich ab?

Die Mensch-Maschine-Interaktion wird immer mehr alle primären Sinnesorgane des Menschen nutzen. Virtual Reality und digitale Wearables werden in Bälde in die Fabrik einziehen. So selbstverständlich, wie wir bislang Schutzhelm oder Sicherheitsschuhe trugen, nutzen wir in Zukunft RFID-Tags, um uns zu identifizieren, oder Datenbrillen, um uns zurechtzufinden.