Ein Fall für Spezialisten

Marginale Spalte

März 2013

 

Beim Bau des mexikanischen Wasserkraftwerks La Yesca standen für Bosch Rexroth nicht nur technische Herausforderungen im Fokus. Unterschiedliche Sprachen und Zeitzonen erforderten clevere organisatorische Maßnahmen.

 
 

Mit einer Höhe von 208,5 Metern ist die gigantische Steinschütt-Staumauer des Wasserkraftwerks La Yesca in Mexiko derzeit weltweit die zweithöchste ihrer Art. Getoppt wird sie nur von der 233 Meter hohen Shuibuya-Talsperre in China. Der riesige mexikanische Damm erhebt sich am Río Santiago im Bundesstaat Nayarit, rund 100 Kilometer nordwestlich der Stadt Guadalajara und steht sinnbildlich für die aufstrebende Wirtschaft des Landes. Mexiko verzeichnete in den letzten Jahren ein kontinuierliches Wirtschaftswachstum – einhergehend mit einem stetig steigenden Energiebedarf.

Weil sich das Land in hohem Maße dem Klimaschutz verpflichtet sieht, soll eine groß angelegte Initiative die klimafreundliche Stromversorgung langfristig sicherstellen. Im Fokus steht der Bau von Wasserkraftwerken. In ihrem enormen Energiepotenzial sieht Mexiko den Schlüssel dafür, den Spagat zwischen der Förderung der wirtschaftlichen und sozialen Entwicklung einerseits und der Verringerung von Emissionen andererseits zu meistern sowie den Wachstumsmotor weiter anzutreiben.

Der La-Yesca-Steinschüttdamm ist der zweithöchste der Welt.
Foto: CFE

 

La Yesca ist Teil eines mehrere Staudämme umfassenden Wasserkraftprojekts mit einem Gesamtenergiepotenzial von 4.300 Megawatt. Nach fünfjähriger Bauzeit wurde das Kraftwerk am 6. November 2012 offiziell eingeweiht. Zwei Generatoren mit einer Nennleistung von 750 Megawatt erzeugen künftig durchschnittlich 1.210 Gigawattstunden Strom pro Jahr: Energie, die die rund eine Million Einwohner von Nayarit eineinhalb Jahre mit Strom versorgen kann.

Das 1,3-Milliarden-Dollar-Projekt stellte Bosch Rexroth nicht nur vor technische Herausforderungen. Eine unvorhergesehene Bauverzögerung, die siebenstündige Zeitverschiebung zwischen Mexiko und Europa sowie die unterschiedlichen Sprachen der Projektbeteiligten erforderten Flexibilität und Einfallsreichtum.

Überzeugungsarbeit

Bereits Mitte 2008 unterschrieb das für den Bau verantwortliche Konsortium, bestehend aus dem mexikanischen Großunternehmen ICA und dem russischen Energiesysteme- und Maschinenbau-Unternehmen Power Machines, den Kooperationsvertrag mit Bosch Rexroth in Mexiko.

Vorausgegangen waren intensive Abstimmungsgespräche zwischen den Projektverantwortlichen vor Ort und den Spezialisten des Bereichs Stahlwasserbau in Lohr, Deutschland, sowie der für die Lieferung der Zylinder zuständigen Regionalgesellschaft in Boxtel, Niederlande. Das Ergebnis war ein schlüssiges Konzept, umfangreiche praxiserprobte Lösungen sowie speziell entwickelte und bis ins Detail an die Kundenanforderungen angepasste Technologien.

Blick auf die Überlaufschütze bei Nacht.
Foto: CFE

 

Als erste grundlegende Maßnahme zur guten Zusammenarbeit stellte Carlos Holzinger, Projektleiter bei Bosch Rexroth, eine Spanisch sprechende Arbeitsgruppe zusammen. „Die Kunden sprachen fast ausschließlich Spanisch. Die beste Voraussetzung, gemeinsam ein anspruchsvolles Vorhaben zu realisieren, ist aber, die gleiche Sprache zu sprechen“, erklärt er.

Wie sinnvoll diese Initiative war, zeigte sich vor allem bei der Klärung technischer Grundsatzfragen. So beispielsweise bei der Überzeugungsarbeit, die das Team um Holzinger gemeinsam mit den Kollegen leistete, um den Kunden für die von Rexroth entwickelte Oberflächentechnologie Enduroq® zu begeistern.

„Normalerweise bevorzugen Kunden Zylinder mit chrombeschichteten Kolbenstangen. Diese Beschichtung gewährleistet eine gewisse Härte auf einem weichen Basismaterial. Sie ist rostfrei und bietet zuverlässigen Schutz vor Korrosion. Unserem neuen Produkt standen die mexikanischen Kunden zunächst skeptisch gegenüber“, erzählt Carlos Holzinger. Gemeinsam mit den Spezialisten konnte er sie von den Vorteilen der thermisch gespritzten Einschichttechnologie überzeugen.

„Enduroq® bietet hohen Verschleißwiderstand, ist völlig undurchlässig und weist eine extrem niedrige Porosität auf. Damit beschichtete Kolbenstangen verfügen über den gleichen Korrosionsschutz wie die Chromvariante, überzeugen aber durch die längere Lebensdauer ‒ mit erheblich geringeren Lebenszykluskosten“, so Holzinger.

Warteschleife

Kurz vor Baustart entdeckten Geologen bei Grabungsarbeiten an der für die Staumauer geplanten Stelle Unregelmäßigkeiten in der Erdkruste. „Wäre der Damm an dieser Stelle errichtet worden, hätte das Wasser den Stauraum unter Umständen unterspült und die Mauer zerstört“, erklärt Martín Gómez, Projektleiter der Bosch Rexroth Regionalgesellschaft in Mexiko.

Bei einem Schüttdamm, der dem Druck eines 33,4 Quadratkilometer großen und circa 1.392 Millionen Kubikmeter fassenden Stausees standhalten muss, ein untragbares Risiko. Der Standort wurde verlegt. „Für uns bedeutete diese Verzögerung, dass wir sämtliche Teile für eine Langzeitkonservierung vorbereiten mussten, denn in der Regel wird just in time geliefert“, erzählt Gómez.

Kurzfristig schuf sein Expertenteam vor Ort entsprechende Lagerbedingungen für die Teile. Der Schutz vor Sonnenlicht und schwankenden Temperaturen war ebenso zu berücksichtigen wie die trockene Lagerung. Der Aufwand hat sich gelohnt: Ganze zwei Jahre mussten die Komponenten schließlich auf ihren Einbau warten.

 

Nachtschicht

Ungewöhnlich waren auch die Arbeitszeiten des Projektteams. Die siebenstündige Zeitverschiebung erforderte von allen Verantwortlichen Nachtschichten am Mobiltelefon und Computer, um Qualität und perfekten Service zu gewährleisten. Rexroth lieferte unter anderem Hydraulikzylinder, Aggregate, Messsysteme sowie Steuer- und Stromversorgungskonsolen ‒ zentrale Teile, die sowohl die Funktion als auch die Sicherheit La Yescas garantieren.

Auch der Support bei der Verrohrung auf der Baustelle, die komplette Verkabelung sowie die Montage, die Inbetriebnahme und die Abnahme vor Ort funktionierten dank der guten Zusammenarbeit zwischen Lohr, Boxtel und der Regionalgesellschaft in Mexiko reibungslos.

Für die Region bringt La Yesca die Garantie einer sauberen und sicheren Energieversorgung. Vom Stausee sollen künftig auch die Fischzucht und der Tourismus profitieren. Bosch Rexroth brachte das Projekt einige neue Erfahrungen und einmal mehr die Erkenntnis, dass sich mit Know-how, Einfallsreichtum und Flexibilität alle Hindernisse überwinden lassen.