„Bisher fehlen die Geschäftsmodelle.“

„Bisher fehlen die Geschäftsmodelle.“
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Wolfgang Blome

Wolfgang Blome ist Experte im Automatisierungssektor und bei der Umsetzung von Automatisierung 4.0. In 20 Jahren als Geschäftsführer und Vorstand in Unternehmen der Automatisierungstechnik hat er die Einführung der industriellen Kommunikation mitgeprägt und damit eine neue Epoche der industriellen Automation eingeleitet. 2003 gründete er die Unternehmer-Berater-Agentur Blome+Partner. www.blomepartner.de

Copyright Photo: Blome+Partner

Inhalt

November 2015

 

Wolfgang Blome fordert, dass Industrie 4.0 in der Praxis der Fabriken ankommen muss und Unternehmen sich mehr Gedanken um neue Geschäftsmodelle machen.

Ist Industrie 4.0 in der industriellen Wirklichkeit schon angekommen?

Industrie 4.0 beschreibt ein Ziel: die Zukunft der vernetzten und digitalisierten Produktion. In der Realität, das heißt in der Breite, ist Industrie 4.0 noch nicht in den Fabriken angekommen. Wir bewegen uns heute noch in den getrennten Welten der Automatisierung und der Unternehmens-IT. Die Triebkräfte für Indus­trie 4.0 sind die Internettechnologien, die jetzt mit aller Kraft aus der Consumer-Welt in die Welt der Produktion migrieren wollen. Die aktuellen Automatisierungssysteme sind geschlossene Systeme und basieren nicht auf den offenen Internettechnologien. Das Gleiche gilt für die installierten IT-Systeme. Industrie 4.0 kann den Ablauf der gesamten Produktion grundlegend verändern, wenn die Unternehmen die drei Technologiewelten Unternehmens-IT, Consumer-IT und Embedded IT in einer Plattform zusammenführen.

Bosch Rexroth hat in Homburg eine preisgekrönte Industrie-4.0-Fertigungslinie aufgebaut – das ist doch bereits eine konkrete Umsetzung!

Ja, das ist eine erste Anwendung, um die Vorteile von Industrie 4.0 in der Praxis zu erproben, zu bewerten und den wirtschaftlichen Nutzen nachzuweisen. Denn wer kennt die Möglichkeiten von Industrie 4.0 heute schon in all ihren Facetten? Man kann sie nicht nutzen, wenn man nur darüber redet. Wie in jeder neuen Technologie muss sich der Anwender auch in die Möglichkeiten von Industrie 4.0 einarbeiten und den wirtschaftlichen Nutzen im praktischen Betrieb herausfinden. Aber wer früh damit anfängt, verschafft sich einen starken Wettbewerbsvorteil.

Wie hoch ist der Wettbewerbsdruck – vor allem international betrachtet?

Der Begriff Industrie 4.0 beschreibt die Digitalisierung der Produktion in Deutschland. Das beste Beispiel, wie mit neuen Technologien neues Wachstum geschaffen werden kann, ist immer noch Apple. Diese Erfolgsstory hat uns gezeigt, dass sich physische Produkte wie iPod und iPhone nur durch die Software-Plattform iTunes, den offenen App-Store und das Internet zu einem Milliardengeschäft entwickeln konnten. Das verdeutlicht, welches Wachstumspotenzial in der Nutzung von Internettechnologien, Cloud-Plattformen und Echtzeitkommunikation auch für die Automatisierungswelt liegt.

Industrie 4.0 ist ein heterogenes Feld von Technologien aus dem Produktionsbereich und der IT-Welt. Wo liegen die drängendsten Aufgaben für die Industrie?

Ein Beispiel aus der Automatisierungstechnik: Eine Steuerung mit Engineering-Software wird heute immer noch als individuelles Produkt vermarktet. Es ist ein herstellerspezifisches Produkt, das pro Maschine nur einmal verkauft werden kann. Das heißt, in der Praxis macht der Verkäufer nur so viel Umsatz, wie er Steuerungen verkaufen kann. Für den Käufer und Nutzer der Steuerung sind aber nicht die 30 Prozent Anschaffungskosten entscheidend, sondern die laufenden Kosten, die über die 70 Prozent des gesamten Lifecycles der Maschine entstehen. Wird das Produkt über den gesamten Lebenszyklus verfolgt, können dem Betreiber der Maschine weitere Dienstleistungsprodukte, zum Beispiel zur Verbesserung der Produktivität, angeboten werden. Das macht die Vorteile der Industrie 4.0 als neues Wachstumspotenzial für den Anbieter von Automatisierungslösungen sichtbar. Dafür brauchen wir eine standardisierte Technologieumgebung. Heute reden viele von der Cloud als skalierbarer Datenplattform. Doch die ist nur dann sinnvoll, wenn sie sich von vielen gemeinsam, gleichzeitig und mit hoher Sicherheit für die Daten nutzen lässt. Unternehmen müssen sich öffnen und damit leben, dass sie nicht mehr alleine über die Daten verfügen können. Das heißt, ein Geschäftsmodell muss in eine offene Industrie-4.0-Struktur münden.

Bedeutet das auch, dass sie ihren Innovationsprozess öffnen müssen?

Das hängt immer vom Standpunkt ab, von dem aus ein Unternehmen in die Industrie-4.0-Welt hineinschaut. Wenn ein Anbieter von Automatisierungstechnik ein Industrie-4.0-konformes Geschäftsmodell entwickeln will, muss er sich zuerst die Denkwelt und die Motive der Internettechnologie zu eigen machen. Und er muss herausarbeiten, welchen Teil davon er für die Fabrikautomatisierung nutzen kann. Erst das schafft die Voraussetzung für einen offenen Innovationsprozess. Internettechnologien sind allgemeingültige Technologien, die ihren Ursprung in der Consumer-Welt haben und nicht nur einem Unternehmen gehören. Mit diesem Verständnis lässt sich dann eine hochskalierbare Cloud-Plattform als Basis für Industrie-4.0-Anwendungen entwickeln.

Welche Bereiche und Branchen sind davon wie betroffen? Serienfertiger und die Automobilbranche haben ja andere technologische Anforderungen als Einzelfertiger oder die Investitionsgüterindustrie.

Das ist richtig, ein Großserienproduzent wird schon heute seine Fertigungsprozesse ständig optimieren. Anders als ein Kleinserienfertiger, der immer schärfer auf die Entstehungskosten seiner Produkte schauen muss und in Zukunft eventuell besser bedient ist, wenn er für die Einzelstücke keine teuren Werkzeuge mehr produziert, sondern das Produkt auf einem 3-D-Drucker herstellt. Für die unterschiedlichen Produzenten gilt aber, dass sie ihre Produktion abhängig vom Geschäftsmodell mit Industrie 4.0 intelligent und individuell vernetzt betreiben können.

Was wird für KMU dabei entscheidend sein? Wie können sich Investitionen in Industrie 4.0 für diese Unternehmen rechnen?

Meiner Meinung nach werden KMU von Industrie 4.0 profitieren, weil diese neuen Technologien auf allgemein verfügbaren und standardisierten Internettechnologien aufbauen. Sie müssen diese Technologien in ihr Umfeld integrieren. Mit dem richtigen Partner können sie ihre Produkte dann gezielt in die Indus­trie-4.0-Welt überführen. Für die KMU eröffnen sich damit neue Geschäftsfelder, da sie jetzt durch die Cloud-Plattformen neue Daten für neue Dienstleistungsprodukte nutzen können. Die Daten, die in der Cloud zur Verfügung stehen, sind für die KMU ein großes Innovationspotenzial. Insofern werden sie genauso von dieser Entwicklung profitieren wie große Unternehmen.

Gibt es schon erfolgreiche Geschäftsmodelle für Industrie 4.0?

Diese Frage haben wir uns auch gestellt und haben dazu eine Marktanalyse durchgeführt. Wir haben Anwender und Lieferanten aus den Bereichen Investitionsgüter, Automatisierung und Elektrotechnik befragt. Das Ergebnis: In allen Unternehmen wird aktiv über Industrie 4.0 diskutiert und die meisten der befragten Unternehmen sehen sie eher als eine evolutionäre Entwicklung ihres heutigen Produktportfolios und nicht als eine Revolution, die die gelebte Ist-Welt grundlegend verändert. Die Gefahr dieses Denkansatzes: Eine Industrie kann durch zögerliches Verhalten Chancen verspielen. Es gibt nur wenige Unternehmen, die in Pilotfabriken Industrie 4.0 erproben. Die Folge: Es werden immer wieder die gleichen Leuchtturmprojekte in der Öffentlichkeit als Industrie-4.0-Anwendung herausgestellt. Ein Unternehmen mit einem ganzheitlichen Industrie-4.0-Geschäftsmodell wird mit großer Wahrscheinlichkeit ein Quereinsteiger in etablierte Branchen sein und damit meine ich nicht ein Start-up-Unternehmen.

Wer heute damit beginnt, kann also einen klaren Wett­bewerbsvorteil erreichen?

Unbedingt! Wenn ich für die Geschäftsstrategie 4.0 eines Automatisierungsunternehmens verantwortlich wäre, würde ich es als erste und wichtigste Aufgabe ansehen, ein gemischtes Expertenteam mit Internet- und Automatisierungs-Know-how zusammenzustellen und aus einem Set-up von Szenarien ein überzeugendes Geschäftsmodell zu entwickeln und dieses mit Pilotkunden zu erproben.

Welche Geschäftsmodelle könnten Ihrer Meinung nach die richtigen für Automatisierer sein?

Automatisierer müssen ihr aktuelles Angebot auf eine Cloud-basierte Softwareplattform als neue Technologiebasis für das angebotene Hardwareproduktportfolio überführen. Für diese Plattform sind Regeln zu definieren, wie Kunden und Dritte damit sicher arbeiten können. Das bedeutet für Unternehmen, dass – parallel zu den laufenden Investitionen – zusätzlich hohe Investitionen in das Zukunftsgeschäft 4.0 erforderlich sind.