Wettbewerbsfaktor Energieeffizienz

Marginale Spalte

Dr. Karl Tragl, Vorstandsvorsitzender der Bosch Rexroth AG.

Juli 2011

 

Energieeffizienz ist nicht alles, aber ohne sie ist alles nichts.

 
 

Diese Abwandlung eines bekannten deutschen Zitats charakterisiert den industriellen Status quo. Energieeffizienz ist heute schon ein mächtiger Wettbewerbsfaktor und einiges spricht dafür, dass sie morgen noch wichtiger wird. Weltweit reagieren Politik und Gesetzgeber nicht mehr nur mit Willensbekundungen und Ankündigungen, sondern mit konkreten Regeln zur Verkleinerung des ökologischen Fußabdrucks.

Märkte, Wähler und Investitionsentscheider sind hoch sensibilisiert. Wie agiert der Maschinen-und Anlagenbau? Wie handeln Sie? Was tun wir? Wo liegen gemeinsame Handlungsfelder zur Sicherung unserer Zukunftsfähigkeit? Ein Gespräch mit Dr. Karl Tragl, Vorstandsvorsitzender der Bosch Rexroth AG.

Herr Dr. Tragl, ist Energieeffizienz in der Produktion ein Modethema oder steht es dauerhaft auf der Agenda?

Ich bin fest davon überzeugt, dass uns das Thema Energieeffizienz in der Produktion über eine sehr lange Zeit begleiten wird, weil es der am schnellsten wirksame und umsetzbare Ansatz für Klimaschutz ist. Darum liegt es mir ganz persönlich sehr am Herzen. Und da stehe ich nicht allein: In nahezu allen Kundengesprächen kommt das Thema zur Sprache. Neben dem Klimaschutzgedanken, hat sich Energieeffizienz definitiv auch weltweit zu einem wichtigen Wettbewerbsfaktor entwickelt. Darum sehe ich es als gelebte Kundenorientierung, dass sich Rexroth über alle Technologien und Märkte darauf fokussiert. Die stetige Verbesserung der Energieeffizienz ist ein wesentlicher Teil unserer Unternehmensstrategie.

Bei Autos, Wohngebäuden und Elektrogeräten gibt es schon seit Jahren eine Effizienzdebatte. Kommt da der Maschinen-und Anlagenbau nicht ein wenig spät?

Umweltschutz steht in der Industrie schon lange auf der Agenda. Schauen Sie sich nur an, welche Fortschritte wir beim Wasserverbrauch oder dem Ersatz gefährlicher Stoffe erreicht haben. Zunehmend mehr Unternehmen legen in Umweltberichten Rechenschaft ab. Energieeffizienz ist dabei immer schon ein Thema gewesen, auch wenn es vielleicht nicht immer in der ersten Reihe präsentiert wurde. Speicherladeschaltungen, Energierückspeisung und Bedarfsregelungen sind ja keine neuen Technologien und zahlreiche Maschinenhersteller haben sie bewusst eingesetzt. Das gilt für die Industrie ebenso wie für mobile Arbeitsmaschinen.

Hier unterstützen wir die Hersteller seit vielen Jahren dabei, den Dieselverbrauch und damit Emissionen durch intelligente Hydrauliklösungen zu reduzieren. Außerdem sind wir bei Rexroth stolz darauf, dass wir seit mehr als 30 Jahren als Entwicklungs-und Systempartner für die Windkraft den industriellen Durchbruch dieser Technologie mit gestaltet haben.

Wie unterstützt Rexroth Kunden und Anwender konkret?

Rexroth hat eine universelle Systematik für eine gesteigerte Energieeffizienz über alle Technologien und Anwendungen entwickelt. Wir nennen sie Rexroth for Energy Efficiency (Rexroth 4EE). Sie setzt mit vier Hebeln an: einer systematischen Gesamtbetrachtung der kompletten Automatisierung, mit im Wirkungsgrad optimierten Komponenten, intelligenten Bedarfsregelungen und der Rückgewinnung von Prozessenergien. Wir unterstützen Maschinenhersteller dabei, diese Hebel über alle Antriebs-und Steuerungstechnologien und auch über den gesamten Maschinenlebenszyklus einzusetzen. Für Endanwender bieten wir auf der Basis von Rexroth 4EE eine umfassende Energieeffizienzberatung für komplette Fertigungslinien an.

Wer ist aus Ihrer Sicht der stärkste Treiber beim Thema Energieeffizienz?

Verschiedene Faktoren beschleunigen die Entwicklung. Aktuell wächst der Druck durch Verordnungen und Gesetze. Bei mobilen Arbeitsmaschinen reduzieren die neuen Emissionsgrenzen TIER 4 final den zulässigen Ausstoß bestimmter Schadstoffe um 90 Prozent. Dazu kommt, dass immer mehr Unternehmen sich aus eigener Verantwortung selbst verpflichten, die von den Regierungen vorgegebenen CO2-Einsparziele schneller zu erreichen oder zu übertreffen. Das gilt auch für Bosch Rexroth. Wir werden den CO2-Ausstoß in weltweit allen Werken bis 2020 um 20 Prozent senken.

Damit verfolgen wir eine Doppelstrategie: Auf der einen Seite reduzieren wir die CO2-Emissionen selbst, auf der anderen Seite stellen wir Kunden und Anwendern neben Produkten und Lösungen auch unsere eigenen Erfahrungen zur Verfügung und beraten sie, wie sie ihrerseits die Energieeffizienz deutlich steigern können. Gleichzeitig beobachten wir das weltweit gestiegene Umweltbewusstsein der Verbraucher und Investitionsentscheider. Sie achten zunehmend auf die Art und Weise, wie Produkte hergestellt werden. Die Anbieter reagieren darauf und nutzen eigene Fortschritte natürlich auch bei der Vermarktung. Außerdem heißt höhere Energieeffizienz ja auch geringere Stromkosten.

Machen Sie mit dieser Energieeffizienzberatung für Endkunden nicht den Maschinenherstellern Konkurrenz?

Nein, denn wir optimieren ja nicht einzelne Maschinen, sondern komplette Fertigungslinien. Dort geht es um eine Vielzahl von verschiedenen Maschinentypen und Automatisierungslösungen. Unsere Spezialisten analysieren den Energieverbrauch über den gesamten Wertstrom, zeigen Optimierungspotenziale auf, berechnen die Amortisationszeiten und übernehmen auch die praktische Umsetzung. Das ist übrigens der große Unterschied zu reinen Beratungsunternehmen. Unsere Energieeffizienzberatung ist mit ihrem umfassenden Lösungsansatz einmalig.

Wie kommen Sie mit Ihren Effizienzbemühungen in den eigenen Werken voran?

Sehr gut. Wir werden die anvisierten Ziele wirtschaftlich erreichen. Natürlich lernen wir jeden Tag dazu. Wir haben aber bereits große Fortschritte gemacht. Und wir sind immer wieder selbst überrascht, wie viele Einsparmöglichkeiten es gibt und wie schnell diese sich rechnen – oft schon im ersten Betriebsjahr.

Das sind ganz wertvolle Praxiserfahrungen, die wir natürlich mit unseren Kunden teilen. Gemeinsam können wir als Industrie einen entscheidenden Beitrag zum Klimaschutz leisten, den Willen dazu spüre ich täglich. Und als Ingenieur kann ich Ihnen sagen: Mit weniger Energieeinsatz mehr zu erreichen, das macht auch noch richtig Spaß!