Wie Phönix aus der Asche

Marginale Spalte

Oben: In sechs Jahren sorgfältiger Restaurierung wurde der Zuschauerraum zu neuem Glanz gebracht.

Fünf vertikal verfahrbare Beleuchterbrücken mit mehrteiligen Beleuchtergestellen leuchten die Hauptbühne aus.

Die teleskopierbaren Seitenlichter können sowohl vertikal aus auch horizontal verfahren werden und leuchten die Szenerie von der Seitenbühne aus.

Blick auf den Schnürboden: Im Bühnenturm wurden insgesamt 190 Seilwinden installiert, mit denen Teile des Bühnenbilds von der Bühnendecke abgelassen und wieder angehoben werden.

März 2012

 

Seit seiner Generalsanierung steht das Moskauer Bolschoi-Theater für die perfekte Symbiose von Tradition und Moderne. Äußerlich erstrahlt es im Glanz der Zarenzeit und hinter den Kulissen sorgt Bühnentechnik von Rexroth für präzise Abläufe.

 
 

Gabelstapler rumpeln über die Bühne, Presslufthämmer dröhnen, Schweißbrenner schlagen blitzende Funken und Bauarbeiter eilen umher: Minuten ohrenbetäubenden Baulärms, dann formieren sich Blaumann- und Schutzhelmträger plötzlich zu einem Chor und schmettern eine Arie aus Michail Glinkas Oper „Ein Leben für den Zaren“. Dieser fulminante Auftakt der Eröffnungsgala des Moskauer Bolschoi am 28. Oktober 2011 markierte gleichzeitig das Ende der aufwendigsten Theatersanierung der Neuzeit.

Rund eine halbe Milliarde Euro haben sich die Moskauer den Umbau kosten lassen. Das Ergebnis: Funkelnde Kristalllüster, schimmerndes Blattgold, edle Hölzer und roter Samt verbreiten wieder den Glanz der Zarenzeit. Aber hinter den Kulissen hat das Bolschoi vergangene Jahrhunderte hinter sich gelassen. Ausgestattet mit Technik von Rexroth ist „die Wiege des klassischen Balletts“ die technologisch modernste Bühne der Welt.

Großes Theater

Gegründet 1776, zur Zeit Katharinas der Großen, war das Bolschoi schon immer ein Haus der Superlative. Hinter der imposanten, dem russischen Klassizismus verpflichteten Außenfassade bescherte die durchdachte Inneneinrichtung dem Theater bereits Mitte des letzten Jahrhunderts eine Akustik, die noch heute legendär ist.

Auf der Bühne des Bolschoi konnten bis zu 400 Personen gleichzeitig auftreten, fünf vergoldete Balkonreihen sowie das Parkett boten bis zu 2.000 Zuschauern Platz. Das weltberühmte Ballett „Schwanensee“ von Pjotr Tschaikowski feierte hier 1877 seine Uraufführung. Und das mit über 200 Mitgliedern größte Corps de Ballet mit seinen Ballettlegenden Vaslav Nijinsky, Rudolf Nurejew oder Maja Plissezkaja bescherten dem Haus Weltruhm.

Starkes Fundament

Als im Herbst 2005 der letzte Vorhang vor dem Umbau fiel, war nicht absehbar, wie groß der Aufwand dafür am Ende sein würde. Zwar zogen sich bis zu fünf Zentimeter breite Risse durch tragende Teile der Außenfassade, aber die wahre Herausforderung für die Sanierer lag verborgen unter der Erde. Auf sumpfigem Boden erbaut, hatte Grundwasser den Untergrund absinken lassen. Das historische Gebäude war akut einsturzgefährdet.

Arbeiter trieben mehr als 2.500 Stahlstützen in den Untergrund, um die morschen Holzpfähle, auf denen die Mauern ruhten, abtragen und ein neues Fundament gießen zu können. Das ist jetzt direkt im Fels verankert und beschert dem Bolschoi erstmals Untergeschosse sowie eine 20 Meter tiefe Bühnengrube, in der die komplette Bühnentechnik untergebracht ist.

Technologische Maßarbeit

Während die Experten und Denkmalschützer bei der Restaurierung des Theaters größten Wert darauf legten, das Gebäude äußerlich komplett unverändert zu lassen und die Inneneinrichtung im Stil des 19. Jahrhunderts wiederherzustellen, sollte die Bühnentechnik des „neuen Bolschoi“ auf dem modernsten Stand sein.

Der Auftrag dazu ging 2004 an Rexroth. „Wir haben die gesamte Ober- und Untermaschinerie des Bolschoi projektiert, entwickelt und eingebaut. Allein für die Bewegungstechnik des Theaters wurden 600 elektrische und hydraulische Antriebe installiert, von denen viele ganz neu konzipiert werden mussten“, erzählt Wolf-Guido Patten, Projektleiter bei Rexroth. „Dafür“, so ist er sich sicher, „gibt es derzeit weltweit keine Bühne, die es in ihren Ausmaßen und ihrer Leistungsfähigkeit mit der des Bolschoi aufnehmen kann.“

Perfekte Illusion

Die 520 Quadratmeter große Hauptbühne wird dominiert von sieben gleich großen Doppelstockpodien. Jedes der sieben Bühnenpodien ist 22 Meter lang, drei Meter breit, zehn Meter hoch und weist ein Eigengewicht von circa 70 Tonnen auf. Beide Ebenen der Podien können bespielt werden.

Hydraulische Zylinderantriebe ermöglichen das geräuschlose und ruckfreie Auf- und Abwärtsbewegen der Segmente mit bis zu 0,7 Metern pro Sekunde und einem Hub von 16 Metern. Ganze Dekorationselemente oder Personengruppen tauchen damit auf Knopfdruck auf oder verschwinden im Untergrund.

Dieser erstreckt sich über sechs Stockwerke in die Tiefe und bietet Stauraum für die Kulissen der verschiedenen Vorstellungen. Vier voneinander unabhängige Podien und die größte in einem Theater verbaute Hydraulikanlage Europas gewährleisten den störungsfreien Transport der Bühnenbilder während der Proben und Vorstellungen.

Schwebende Vielfalt

Ebenso leistungsfähig ist die Obermaschinerie des Theaters. 220 Winden – jede mit einer Tragkraft von rund einer Tonne – lassen Dekorationen mit einer Geschwindigkeit von bis zu 1,8 Metern pro Sekunde wie von Geisterhand, vollkommen geräuschlos und synchron, auf die Bühne herab. Das Theater ist einer der wenigen Bereiche, in denen sich Personen unter schnell bewegten und tonnenschweren Lasten aufhalten dürfen, daher steht Sicherheit an erster Stelle.

Garant dafür ist die bewährte Bühnensteuerung SYB2000 von Rexroth. Die fein abgestimmte Sensorik und die erprobte Software steuern präzise sämtliche Abläufe rund um die Bühne. Einmal programmiert, lässt sich der komplette Ablauf eines Stücks jederzeit auf Knopfdruck wieder abrufen. Dreimal brannte das Bolschoi in seiner über 200-jährigen Geschichte ab und wurde immer wieder aufgebaut.

So grundlegend erneuert wie jetzt hat sich das Theater aber noch nie präsentiert. Wenn die Zuschauer künftig Aufführungen des Bolschoi besuchen, können sie im märchenhaft prächtigen Ambiente des 19. Jahrhunderts Inszenierungen von nie gekannter Vielfalt genießen.

Die unsichtbare und lautlose Bühnentechnik von Rexroth sorgt für unvergesslichen Kunstgenuss durch perfekte Illusion. Und auch für weitere Projekte heißt es „Bühne frei“: Rexroth ist aktuell Projektpartner für die Bayerische Staatsoper München, das Salzburger Festspielhaus und das Opernhaus in Göteborg.